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HISTORY

Wo Michelangelo auf den Putz haute

500 Jahre Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle

Wo Michelangelo auf den Putz haute

500 Jahre Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle

Es erduldete einen launischen Künstler und einen exzentrischen Papst, es trotzte Ruß, Salpeter und Zensoren: Das weltberühmte Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan, Michelangelos Meisterwerk, wird in diesen Tagen 500.

Der weiße Rauch hatte sich noch nicht verzogen, da sah Benedikt XVI. schon den Propheten Sacharja. Seit 500 Jahren blättert der Prophet über dem Eingangsportal der Sixtinischen Kapelle in einem Buch, gleich gegenüber dem Altar, wo jeder neu gewählte Papst nach dem Konklave Platz nimmt. Sacharja ist nur ein winziger Teil von Michelangelos Deckenfresko, dem vielleicht wichtigsten Kunstwerk der Renaissance, mit dutzenden Figuren und Schlüsselszenen aus der Bibel – Schöpfung, Sündenfall und Sintflut. Benedikt war der erste Papst seit langem, der die Fresken wieder in ihrer strahlenden Pracht sehen durfte. Staub und Ruß von Jahrhunderten hatten sich auf den Bildern abgelagert, Regen und Risse, Salz und Schimmel hatten sie verdunkelt. Fast zwanzig Jahre hatte die jüngste und bis heute gründlichste Restaurierung und Reinigung der Fresken gedauert. Als die Kapelle in den Neunzigern wiedereröffnet wurde, waren Kritiker entsetzt über die „Gummibärchenfarben“. „Ein Sündenfall?“ fragte der „Spiegel“. Restauratoren hingegen feierten den wiederauferstandenen „wahren Michelangelo“.

Keine Lust auf den Auftrag

Dass die Sixtinische Kapelle einmal eines der berühmtesten Gemälde der Welt beherbergen könnte, hätte sich ein halbes Jahrtausend zuvor niemand träumen lassen – am allerwenigsten Michelangelo selbst, der dort im Mai 1508 erstmals auf sein Holzgerüst kletterte. Er hatte keine Lust auf diesen Auftrag, doch er wagte nicht, ihn abzulehnen. 1483 hatte Papst Sixtus IV. die Kapelle eröffnet und der heiligen Jungfrau Maria geweiht – 40 Meter lang, 14 Meter breit, 20 Meter hoch. Die Seitenwände bemalten Botticelli und andere Maler aus Florenz, der Hochburg der Renaissance. Sie zeigten Szenen aus dem Leben Jesu und Mose; das Deckengewölbe bemalte Pier Matteo d’Amelia mit einem Sternenhimmel. Besonders stabil stand die Kapelle indes nicht; schon im Frühjahr 1504 senkte sich der Untergrund ab. Die Südwand neigte sich, und im Deckengewölbe entstand ein klaffender Riss, den Papst Julius II. mit Backsteinen vermauern ließ. Dadurch aber war der Sternenhimmel so schwer beschädigt, dass der Papst beschloss, das 1.200 Quadratmeter große Deckengewölbe komplett neu ausmalen zu lassen. Seine Wahl fiel auf Michelangelo, der sowieso gerade in seinen Diensten stand: Julius hatte ihn beauftragt, ihm ein prächtiges Grabmal zu errichten, und Michelangelo suchte in den Steinbrüchen von Carrara nach dem perfekten Marmor.

Sauer auf den Papst

Michelangelo, Anfang 30, war da bereits über seine Heimat Florenz hinaus berühmt. Mit 13 war er dort in der ­Maler­werkstatt von Ghirlandaio in die Lehre gegangen, doch sein Interesse galt vor allem der Bildhauerei: Er skizzierte lebende Modelle und sezierte Leichen, bis er den menschlichen Körper in jeder erdenklichen Haltung darstellen konnte. Er ging ein und aus bei den Medici, er wetteiferte mit dem 23 Jahre älteren Leonardo da Vinci, und seine Skulpturen – wie der „David“ – übertrafen nach Ansicht der Zeitgenossen bereits die griechischen und römischen Vorbilder. Als Michelangelo aus den Steinbrüchen zurückkehrte, hatte der Papst kein Interesse mehr am Grabmal. Stinksauer setzte sich Michelangelo nach Florenz ab und schrieb einen geharnischten Brief an den Papst – Tenor: „Wenn Sie mich wollen, kommen Sie her und holen Sie mich.“ Julius verhandelte mit den Stadtoberen, und weil diese den Zorn des Papstes fürchteten, drängten sie Michelangelo zur Rückkehr nach Rom, wo Julius ihm seinen neuen Auftrag verkündete: Nicht nur das Deckengewölbe sollte er neu ausmalen, sondern auch die Lünetten – die „Möndchen“, halbkreisförmige Flächen oberhalb der Fenster – und die dreieckigen Stichkappen darüber, die Gewölbegurte zwischen den Fenstern und die vier Eckzwickel.

Erste Versuche gehen schief

Michelangelo war alles andere als begeistert; als Bildhauer war er sogar beleidigt. Doch er fügte sich. Am 10. Mai 1508 erhielt er vom Kammerherrn des Papstes 500 Dukaten, mit denen er die Kosten der ersten Mal-Etappe bestreiten sollte. Ein „maestro di muro“ bereitete die Wände für die Fresken vor und trug eine erste Putzschicht auf. Michelangelo ließ ein Gerüst errichten, eine Hängekonstruktion auf Böcken. So konnten unten Andachten gefeiert werden, während Michelangelo oben malte. Das Licht in der Kapelle war trübe, das Gerüst nahm noch mehr davon weg; vermutlich hat Michelangelo sich mit Laternen beholfen. Als erstes malte er die Sintflut. Doch er war noch nicht fertig mit dem Bild, da fing es schon an zu schimmeln. Er beklagte sich beim Papst, er habe es ihm ja gleich gesagt, er sei nun einmal Bildhauer, doch Julius entließ ihn nicht aus seinem Auftrag. Also rief Michelangelo erfahrene Fresko-Maler aus Florenz zu Hilfe. Einer Überlieferung nach war er aber so unzufrieden mit dem, was die Kollegen zustande brachten, dass er sie allesamt hinauswarf, sich in der Kapelle einschloss und für keinen mehr zu sprechen war.

Gebeugt auf dem Gerüst

Feuchter, „frischer“ (fresco) Putz ist die Grundlage der Freskenmalerei. Zunächst kommt ein Rauputz auf die Wand; den eigentlichen Malgrund bildet der Feinputz, der in „Tagwerken“ aufgetragen wird – immer nur so viel, wie man an einem Tag bemalen kann oder will. Die darauf aufgetragenen Farben verbinden sich beim Trocknen mit dem Untergrund und „werden gleichsam zu einem Stück Wand“, schreibt die Restauratorin Ingeborg Doetsch. Das Gegenteil von „al fresco“ ist die Malerei „al secco“, bei der der Putz zunächst trocknet. Nachteil: Mit den Jahren bröselt die Farbe. Michelangelo rieb die Farbpigmente höchstpersönlich ins Wasser, er gewann Schwarz aus Kohle, Weiß aus Kalk, Rot und Gelb aus Ockermischungen, Blau aus Lapislazuli, Grün aus eisenhaltiger sogenannter „Grüner Erde“ und Lila aus Morellensalz, einem Abfallprodukt aus der Alchemie. Schwarz und Weiß verwendete er nur, um Licht und Schatten zu erzeugen. Vorskizzen malte Michelangelo auf Kartons, in die er winzige Löcher entlang der Zeichenlinien stach. Anschließend nagelte er die Kartons an die Wand und klopfte ein Säckchen mit Kohlestaub dagegen – so schuf er die Umrisse seiner Figuren. Von vielen Figuren fertigte er Wachs- oder Tonmodelle an. Die Umstände waren alles andere als einfach: Das Deckenfresko malte er nach hinten gelehnt, mit dem Gesicht nach oben. Er gewöhnte sich so sehr daran, dass er selbst Briefe in dieser unbequemen Haltung las.

Zeitgenossen schwärmen

Die erste Hälfte des Freskos schloss Michelangelo im August 1510 ab, doch der Papst war nicht da, er führte Krieg gegen die Franzosen. Michelangelo war zum Däumchendrehen verdammt, er wartete auf das Honorar für die ­halbe Kapelle und auf den Vorschuss für die zweite Hälfte. Er traute sich nicht, ohne Erlaubnis Heimaturlaub in Florenz zu machen. Erst im Sommer 1511 kehrte Julius zurück – und drängelte plötzlich. Also malte Michelangelo nun schneller als zuvor. Er verzichtete auf Kartons, ritzte die Umrisse der Figuren direkt in den Putz oder malte gleich freihändig. Der Putz trug Kratzer davon, an manchen Stellen blieben Pinselhaare hängen. War Michelangelo zuvor mit einer Stelle nicht zufrieden gewesen, hatte er frischen Feinputz aufgetragen; gegen Ende schlug er ihn einfach ab und malte auf den Rauputz darunter. Im Oktober 1512 war er fertig – und die Zeitgenossen waren überwältigt. „Dieses Werk hat wie ein Licht unsere Kunst erleuchtet“, schwärmte der Michelangelo-Biograf Giorgio Vasari. ­Dutzende, wenn nicht hunderte Motive zierten nun die Kapelle: Propheten, Sybillen, die Ahnen Christi, dazu unzählige Figuren in allen erdenklichen Haltungen. Es scheint, als habe er sich auf dem Putz regelrecht ausgetobt – oder wie der Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich es formuliert: Der Bildhauer Michelangelo wollte seinen Gegnern „zeigen, was Malen heißt, wenn sie ihn schon zum Malen zwangen“.

Das berühmteste Motiv

An die Decke malte Michelangelo Szenen aus der Bibel: Die Schöpfung und den Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies, die Sintflut und die Arche Noah. Das berühmteste Motiv zeigt die Erschaffung Adams, den Gott in Gestalt eines bärtigen Mannes mit einem Fingerzeig zum Leben erweckt. Auch die vier Eckzwickel zeigen Szenen aus dem Alten Testament: David und Goliath, Judith und Holofernes, die eherne Schlange des Mose – um einen Stab gewunden, man kennt dieses Bild auch aus der griechischen Mythologie, der Äskulapstab ziert heute viele Apotheken-Logos – und die Bestrafung des Haman durch den Perserkönig Xer­xes. „Auf dieser Erde ist die Perfektion dessen, was in der Malerei erreicht werden konnte, von ihm erreicht worden“, schrieb Giorgio Vasari. Michelangelo dagegen war froh, dass er sich endlich wieder der geliebten Bildhauerei widmen konnte. Doch er entkam der „Sistina“ nicht: Zwei Jahrzehnte später sollte er die Ostwand hinter dem Altar mit dem Jüngsten Gericht ausmalen. Wieder hatte er keine Lust und stieg doch wieder aufs Gerüst, im Sommer 1536. Die Altarfenster wurden zugemauert, und dem Jüngsten Gericht musste unter anderem die Darstellung von Mariä Himmelfahrt weichen, also der Schutzheiligen der Kapelle – fast schon ein Frevel.

Zu viele „Schweinereien“

Allerheiligen 1541 wurde das Jüngste Gericht enthüllt, und die Empörung war sogleich groß: So viele Geschlechtsorgane hatte noch kein Kunstwerk gezeigt – schon gar nicht in einer katholischen Kapelle. Obszön sei das Werk, von Blasphemie und „Schweinereien“ war die Rede. Das Konzil von Trient beschloss im Januar 1564, nach Michelangelos Tod die anstößigsten Stellen zu tilgen. Diesen Gefallen tat Michelangelo der Kirche schnell: Er starb schon im Februar, und Daniele de Volterra malte im darauf folgenden Jahr Schamtücher über manchen Penis. 44 Zensureingriffe stammen allein aus dieser Zeit, bis ins 19. Jahrhundert kamen immer wieder neue hinzu. Dabei war die Zensur noch das geringste Problem der Fresken: Kerzenruß setzte den Bildern zu, außerdem wurde die Sixtinische Kapelle lange mit Kohle beheizt. 1525 brannte ein Altarbaldachin und rußte die Bilder ein, 1544 beschädigte ein Feuer das Dach der Kapelle, so dass es hineinregnete – Salzkristalle blühten auf den Wänden, Risse entstanden in den Fresken.

Goethe ist entsetzt

Mehrfach trugen die päpstlichen Restauratoren Leim aus abgekochten Tierhufen auf die Fresken auf, um die Farben aufzuhellen und den Salpeter zu vertuschen. Dunkler wurden die Fresken trotzdem, und der Leim hinter-ließ Streifen und zog sich zusammen, wenn er trocknete. Ein Restaurator reinigte die Fresken mit Brot, ein anderer mit Wein. 1797 explodierte Pulver in der gut einen Kilometer entfernten Engelsburg und beschädigte das Deckenfresko; Teile der „Sintflut“ gingen dabei verloren. Durch chemische Reaktionen bildet sich auf Fresken im Lauf der Zeit ein glasiger Film, Staub und Ruß tun ein Übriges: Am Ende kann die Mauer nicht mehr atmen, Feuchtigkeit sammelt sich unter dem Feinputz. Irgendwann bröckelt der Putz. Viele Gemälde sind so verlorengegangen. Schon Goethe regte sich auf über den Umgang der Kirche mit Michelangelos Gemälden: „Sehr unbehaglich“ habe er sich angesichts der vielen Kerzen in der Kapelle gefühlt, notierte er 1787 in seinem Tagebuch. „Das sind ja grade die Kerzen, welche seit dreihundert Jahren diese herrlichen Gemälde verdüstern, und das ist ja eben der Weihrauch, der mit heiliger Unverschämtheit die einzige Kunstsonne nicht nur umwölkt, sondern von Jahr zu Jahr mehr trübe macht und zuletzt gar in Finsternis versenkt.“

Reinigung mit High-Tech

Die Wiederherstellung der Ursprungsfarben nahm Anfang der 1980er Jahre ein Team unter der Leitung des vatikanischen Chefrestaurators Gianluigi Cololucci in Angriff: Die Zeiten von Tierleim und Wein waren vorbei, zum Einsatz kamen Infrarot- und Ultraviolettfotografie, mikroskopische Untersuchungen, mikrobiologische Analysen und Farbmessungen. Die Restauratoren injizierten einen Spezial­­kleber zwischen Fein- und Rauputz, um das Bröckeln zu stoppen. Durch spezielle Reinigungsverfahren mit destilliertem Wasser wuschen sie Ruß, Salpeter und Tierleim ab. Ein japanisches TV-Team filmte die Arbeiten, sodass spätere Restauratoren sich daran orientieren können. Mit etwas Glück kann die nächste Restaurierung aber noch warten: Licht und Heizung in der Kapelle sind längst elektrisch, eine Klimaanlage schafft die optimale Atmosphäre für die Fresken, und Besucher müssen über einen Spezialteppich laufen, der ihnen den Straßenstaub von den Schuhen nimmt.

1475
Michelangelo Buonarroti kommt in Caprese bei Florenz zur Welt.

1483
Papst Sixtus IV. weiht in Rom die Sixtinische Kapelle ein, sie ist der Jungfrau Maria geweiht.

1504
Erste Risse im Deckengewölbe; die Renovierung zerstört den ursprünglich dort gemalten Sternenhimmel.

1508-1512
Michelangelo malt das Deckengewölbe, die Lünetten, die Stichkappen und Eckzwickel neu aus.

1525
brennt ein Altarbaldachin, die Fresken bekommen Ruß ab.

1536
Michelangelo beginnt mit der Arbeit für das Jüngste Gericht auf der Altarseite der Kapelle; dafür wurden eigens die Fenster auf dieser Seite zugemauert und Darstellungen zerstört – nicht zuletzt „Mariä Himmelfahrt“, der die Kapelle geweiht ist.

1541
Enthüllung des Jüngsten Gerichts – schon bald empören sich Zeitgenossen, Vorwürfe der Ketzerei werden ebenso erhoben wie die Forderung nach einer Zerstörung des Freskos.

1543
Erste Reinigung der Fresken, Auftrag von Tierleim.

1544
Ein Brand beschädigt das Dach der Kapelle; fortan regnet es hinein, was Schäden wie Salzausblühungen begünstigt.

1564
Das Konzil von Trient beschließt die teilweise Übermalung des „Jüngsten Gerichts“ nach Michelangelos Tod. Michelangelo stirbt kurz darauf in Rom.

1565
Daniele de Volterra nimmt 44 Zensur-Übermalungen vor; er malt vor allem Schamtücher, um das Gemälde möglichst wenig zu verändern.

1565-1572
Umfangreiche bauliche Restaurierung der Kapelle; Festigung des Putzes, der die Fresken trägt.

1625
Reinigung aller Fresken mit Brot.

1710-1713
Wieder wird Tierleim aufgetragen, Reinigung der Fresken mit Wein.

1797
In der gut einen Kilometer entfernten Engelsburg am anderen Ufer des Tiber explodiert Pulver. Durch die Erschütterung fallen Teile des Deckenfreskos herab, unter anderem wird die „Sintflut“ stark beschädigt.

1878
Erstmals findet die Papstwahl, das Konklave, in der Sixtinischen Kapelle statt, wo seither alle Päpste seit Leo XIII. gewählt wurden.

1903, 1935, 1964
Erneute Restaurierungen.

1982-1994
Die jüngste Restaurierung zeigt Michelangelos Fresken in jahrhundertlang ungekannter Farbenpracht.

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