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INTERVIEW

„Berlin ist ein enormer Anziehungspunkt“

Ulrich Wickert hat als ARD-Korrespondent aus New York und Paris berichtet. Im Interview erklärt er, warum er heute gerne in Berlin leben würde.

„Berlin ist ein enormer Anziehungspunkt“

Ulrich Wickert hat als ARD-Korrespondent aus New York und Paris berichtet. Im Interview erklärt er, warum er heute gerne in Berlin leben würde.

Ulrich Wickert, den Fernsehzuschauern bekannt als „Mr. Tagesthemen“ und eine Kapazität im deutschen Journalismus, über den Reiz einer „unfertigen“ Metropole.

Herr Wickert, Sie gelten als Kosmopolit, sind ganz schön herumgekommen in der Welt. Heute leben Sie in Hamburg. Wie ist Ihr persönlicher Bezug zu Deutschlands Hauptstadt Berlin?
Am liebsten würde ich in Berlin leben, denn als politischer Journalist will man immer dort sein, wo auch die Politik stattfindet. Aber nicht nur das, als Auslandskorrespondent habe ich vierzehn Jahre hintereinander in Washington, Paris und New York gewohnt, habe mich also an Metropolen gewöhnt und finde in Deutschland nur in Berlin eine adäquate Entsprechung. Ausländische Freunde kamen, wenn sie Deutschland besuchten, früher auch nach Hamburg. Jetzt reisen sie nur noch nach Berlin. Berlin ist ein enormer Anziehungspunkt, einmal für Künstler aus der ganzen Welt von China bis zu den USA, zum anderen aber auch für die Jugend Europas.
Wie sehen Sie als einer der profiliertesten deutschen Journalisten den Medienbetrieb in der Hauptstadt?
Glücklicherweise gehört die Qualität der deutschen Medien zu dem Besten, was die Welt zu bieten hat. Und so berichten aus Berlin für das Fernsehen, den Rundfunk, die gedruckte Presse wie auch für das Internet hervorragende Journalisten. Aber leider sind die Anforderungen der Medien manchmal auch so groß, dass auch immer mehr wenig ausgebildete, schlecht bezahlte und von Termin zu Termin gehetzte junge Leute eingesetzt werden, die von den Themen, die sie bearbeiten müssen, nur wenig oder gar nichts verstehen. Zu einem guten Journalisten gehört auch ein historisches Gedächtnis, doch manche wissen schon nicht mehr, was vor vier Wochen passiert ist.
Sie haben die „Tagesthemen“, die in Hamburg produziert werden, 1991 bis 2006 moderiert. Regierung und Parlament zogen 1999 von Bonn nach Berlin. Wie nahmen Sie diesen Ortswechsel aus der Ferne wahr?
Im elektronischen Zeitalter ist es gleichgültig, wo die Hauptstadt liegt. Denn Schaltungen sind heute kein Problem mehr. Der Ortswechsel fällt dann eher dadurch auf, dass sich die Hintergründe der Bilder verändern.
Wie wohl in keiner anderen Stadt treffen in Berlin deutsche Vergangenheit - im Bild die Siegessäule - und Gegenwart aufeinander. (Foto: Xavier Ballester)
Wie wirkte sich der Regierungsumzug auf die Medien, die Berichterstattung aus?
Der Umzug von Bonn nach Berlin wirkte sich auf die Politik selbst aus und damit auf die Inhalte der Berichterstattung. Während Bonn ein Provisorium war, dass dem Krieg geschuldet war, wurde Deutschland mit dem Umzug in die endgültige Hauptstadt Berlin wieder das, was man in Deutschland selbst eigentlich nicht sagen darf: Deutschland wurde normal. Das heißt: Mit dem Wegfall der Vorbehalte der Alliierten wird Deutschland jetzt von seinen Verbündeten als gleichwertig angesehen. Und die Verbündeten fordern von Deutschland die gleiche Übernahme von Verantwortung, wie es Franzosen, Engländer oder Amerikaner tun. Daran hakt es aber noch in der deutschen Politik.
Vor Ihrer Zeit als „Mr. Tagesthemen“ waren Sie unter anderem ARD-Korrespondent in Washington und Paris. Wie würden Sie Unterschiede der Medienbranchen in den USA, in Frankreich und Deutschland beschreiben?
Dazu reicht das Interview nicht aus: Die Antwort auf diese Frage ist mindestens eine Doktorarbeit wert.
Wichtige Redaktionen wie von „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ sowie „heute“ und „heute journal“ oder „Spiegel“ sitzen nicht zentral in der Hauptstadt, sondern verteilt über die Republik – einfach nur ein historisch bedingter Umstand oder ganz gut so?
Eine gewisse Distanz vom politischen Zentrum ist für eine Redaktion nicht schlecht. Allerdings hat dies zwei Seiten. Denn eine Redaktion, die nicht am Hauptort des Geschehens angesiedelt ist, hat weniger Hintergrundinformationen.
Ohne Hauptstadtbüro geht es also auch nicht.
Nee, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen: Denn wie sollte denn die Berichterstattung stattfinden, wenn es kein Hauptstadtbüro gäbe?
In Hamburg hatten Sie Abstand zur Hauptstadt, in Washington und Paris waren Sie nahe am politischen Geschehen. Was bedeutete das im Vergleich jeweils für Ihre journalistische Arbeit?
Als Moderator der Tagesthemen hat man ein sehr gut gespanntes Netzwerk, das einem erlaubt, hervorragend informiert zu sein. Ich hatte nicht nur in deutschen Ministerien Vertraute, die ich anrufen konnte, wenn ich etwas ganz genau und richtig wissen wollte, sondern ich konnte eigentlich jeden in der Republik anrufen, auch wenn ich ihn nicht kannte, und um Detail-Informationen fragen. Denn die Tagesthemen sind ein großartiges Aushängeschild. Meine Kontakte aus den Zeiten, in denen ich Auslandskorrespondent war, halfen mir aber auch, wenn ich in New York oder Paris eine Information suchte.

Der 1942 in Tokio als Sohn eines Diplomaten geborene, vielfach ausgezeichnete Journalist wurde als „Mr. Tagesthemen“ eine der bekanntesten und angesehensten Persönlichkeiten des deutschen Fernsehens. In der ARD-Sendung führte er verständlich durch das Weltgeschehen und wünschte den Zuschauern zum Schluss stets mit einem Augenzwinkern eine „geruhsame Nacht“. Zuvor war der Frankreich-Liebhaber und -Kenner unter anderem ARD-Korrespondent in Washington und Paris gewesen. Als Moderator ist er nach wie vor in der Radiosendung „Wickerts Bücher“ auf NDR Kultur präsent, in der der Autor zahlreicher Bücher die Werke anderer Autoren vorstellt.

„Berlin ist als Metropole unfertig.“

Was lag Ihnen mehr?
Das ist wirklich schwer zu sagen. Ich habe die Zeit als Auslandskorrespondent genossen, weil ich sehr unabhängig arbeiten konnte. Und nicht nur das. Die Themenbreite kannte nur die Grenzen, die ich mir selber machte. Ob ich nun ein Interview mit Francois Mitterrand oder ein Gespräch mit Eugene Ionesco, dem Vater des absurden Theaters, führte, das hing weitgehend von mir ab. Dadurch habe ich spannende Menschen kennengelernt, was wiederum meinen eigenen Horizont erweitert hat. In Paris habe ich mit einem Kollegen einmal an einem schönen Frühlingstag im Bistro à la terrasse (also in der Sonne) gesessen, wir haben unsere Arbeit besprochen und kamen plötzlich auf die Erkenntnis: „Die bezahlen uns auch noch dafür, dass wir solch schöne Sachen machen dürfen!“
Persönliche Kontakte und Netzwerke sind als Informationsquellen unerlässlich. Wo beginnt die Grenze zu Filz und Abhängigkeiten?
Ein Journalist muss eine gewisse Distanz zu den Personen einhalten, über die er berichtet. Das ist nicht immer leicht. Aber es darf keine Gefälligkeiten geben. Von meinem Vorgänger bei den Tages-themen Hanns Joachim Friedrichs stammt der Satz: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemeinmacht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Hanns Joachim Friedrichs hat sich mit vielen guten Sachen gemeingemacht. So trat er öffentlich für Berlin als Hauptstadt ein. Auch ich habe mich immer wieder mit „Sachen“ gemeingemacht. Denn ich finde, dass politische Journalisten die Aufgabe haben, aufzuklären. So kann schon mit der Auswahl eines Themas für eine Sendung das „Gemeinmachen“ beginnen.
Erinnern Sie sich an ein Beispiel?
Durch die tägliche Lektüre von „Le Monde“ und „International Herald Tribune“ war ich früh auf den drohenden Völkermord in der sudanesischen Provinz Darfur aufmerksam geworden. In der deutschen Öffentlichkeit wurde das Thema noch nicht wahrgenommen. So schickten wir für die Tagesthemen unseren Afrika-Korrespondenten nach Darfur und sendeten drei Tage hintereinander je einen „Schwerpunkt“. Schon nach dem zweiten Tag rief mich der Chefredakteur der „Welt am Sonntag“ an und fragte, ob unser Korrespondent nicht auch für seine Zeitung über den Konflikt in Darfur schreiben könne. So wurde das Thema „Völkermord in Darfur“ auch in der deutschen Presse ausgiebiger behandelt. Claus Richter, Vorsitzender des Vereins zur Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises war zur Zeit von Solidarnosc Korrespondent der ARD in Polen. Er sagt: „Jeder Journalist, jeder Korrespondent macht sich in jedem Unrechtsstaat mit der Sache der Unterdrückten gemein.“ Ich verstehe „nicht gemeinmachen“ so: Ein guter Journalist verfolgt eine Sache ohne Rücksicht auf eigene Interessen.

Das neue, Anfang Oktober erschienene Buch von Ulrich Wickert zeichnet unter dem Titel „Neugier und Übermut“ ein überraschendes Bild des vergangenen halben Jahrhunderts. Es beschreibt Treffen und Erlebnisse Wickerts unter anderem mit dem Bruder des letzten Kaisers von China, mit dem Enkel von Buffalo Bill, mit Arthur Miller, Dustin Hoffman und Bill Clinton. Verlag Hoffmann und Campe.

Vor einigen Jahren kritisierten Sie in einem Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen“ an den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF, es fehle an „einem Sinn für die Verbreitung wichtiger, aktueller politischer Inhalte“, es werde schusselig getextet, einige Moderatoren nähmen sich wichtiger als das Ereignis. Würden Sie das noch so schreiben?
Einiges hat sich zwar gebessert, aber die grundsätzliche Klage bleibt leider!
In einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ sagten Sie, junge Franzosen fänden Berlin attraktiv. Was reizt diese an Berlin?
Berlin ist als Metropole unfertig. Und das ist für jeden, der sich selbst sucht, der an einem Aufbruch teilhaben will, spannend. Ich habe manchmal den Eindruck, Berlin ist für junge Leute heute das, was New York in den siebziger Jahren gewesen ist. Für junge Leute ist auch wichtig, dass die Mieten – auch großer Flächen – nicht so hoch sind wie in anderen Metropolen. Ein junger Maler kommt hier immer billig unter.
Haben Sie selbst eine Dependance in Berlin oder könnten Sie es sich vorstellen, hinzuziehen?
Hier endet der Kreis des Interviews: Die Antwort dazu habe ich schon in der ersten Frage gegeben. Ich würde am liebsten in Berlin leben. Aber in Hamburg arbeitet meine Frau. Deswegen nehme ich häufig den ICE nach Berlin, und der dauert ja auch nur so lang, wie manchmal der Vorortzug nach New York oder nach London.
Die Fragen stellte Samuel Heller aus der Redaktion des willmy magazins

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