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Arbeitswelt

Tagesticket fürs kreative Arbeitsumfeld

Noch vor einigen Jahren trafen und vernetzten sich in den Coworking Spaces vor allem Freiberufler – inzwischen schicken Arbeitgeber dort auch Festangestellte hin.

Tagesticket fürs kreative Arbeitsumfeld

Noch vor einigen Jahren trafen und vernetzten sich in den Coworking Spaces vor allem Freiberufler – inzwischen schicken Arbeitgeber dort auch Festangestellte hin.

Klappten in Coworking Spaces bisher vor allem Freiberufler ihre Laptops auf, schicken Arbeitgeber nun auch Festangestellte dorthin.

Der Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte. Hier kreuzen sich fünf Straßen, die Straßenbahn hält hier ebenso wie die U-Bahn. Autos hupen, Lkw rumpeln vorbei, Radfahrer klingeln sich den Weg frei, Hostel-Touristen schnattern gegen den Verkehrslärm an. Genau diese Kreuzung steuern Freiberufler an, wenn sie in Ruhe arbeiten wollen. Das Café „Sankt Oberholz“ residiert in einem ausladenden, weiß gestrichenen Eckhaus aus der Gründerzeit. In den 1920er-Jahren beherbergte es ein Bierlokal, in dem Alfred Döblin an seinem Roman „Berlin Alexanderplatz“ schrieb, in den 90ern briet Burger King hier Fleischklopse. Seit 2005 ist das Haus Anlaufstelle für Kreative, denen im Homeoffice die Decke auf den Kopf fällt. Digitale Start-ups wie der Streamingdienst Soundcloud wurden hier gegründet.

Hauptsache WLAN

Die Türen stehen weit offen, Sommerwind weht über dunkles Parkett, in den Vitrinen an der Bar lagern Zupfkuchen und Paninis. Der Barista brüht den Espresso ab 1,80 Euro, WLAN gibt es kostenlos und unverschlüsselt. An luftig gruppierten Tischen und auf Hockern vor den Panoramafenstern starren überwiegend junge Menschen in ihre Laptops. Zwischen den Tischen schlängeln sich Mehrfachstecker, von vielen Rechnern leuchtet der berühmte Apfel, andere sind zugeklebt mit Stickern von Bands und befreundeten Start-ups. Die Salsa- und Jazzmusik hören die „digitalen Nomaden“ unter ihren Kopfhörern ebenso wenig wie den Straßenlärm oder das Fauchen der Kaffeemaschine.

„Was gelegentlich abfällig als ,Cappuccino-Kapitalismus‘ geschmäht wird, ist zu einem Gesellschaftsphänomen geworden: Menschen sitzen mit ihren Laptops ganztägig im Café und nennen es Arbeit.“ Das schrieben Holm Friebe und Sascha Lobo schon 2006. Ihr Buch „Wir nennen es Arbeit“ gilt als das Manifest der „digitalen Bohème“. Ein freier Internetzugang werde „zum unsichtbaren Hauptkriterium für die Wahl des Aufenthaltsortes“, schrieben sie.

Sesshafte Nomaden

Mehr als ein Jahrzehnt später besitzen die digitalen Nomaden Smartphones und Tablet-Computer – und die Zahl der Orte, unter denen sie wählen können, hat sich vervielfacht: Flughäfen und Fernbusse, ICE-Züge und Museen, öffentliche Plätze, das eigene Auto.

Zugleich sind viele von ihnen halbwegs sesshaft geworden: Sie arbeiten in Coworking Spaces, lose zusammengewürfelten Bürogemeinschaften, in denen sie sich WLAN und Stromanschluss, Schreibtisch und Wasserkocher teilen. In manchen Coworking Spaces sitzen sie an Tapeziertischen, anderswo auf Designermöbeln. Manche mieten sich für einen Tag ein und klappen ihren Laptop da auf, wo gerade ein Platz frei ist, andere mieten einen festen Arbeitsplatz und richten sich mit Büropflanze und Katzenfoto häuslich ein.

Verschiedene Schwerpunkte

Am 9. August 2005 eröffnete in San Francisco das „Spiral Muse“ – der erste Coworking Space der Welt. Seitdem sind Hunderte davon entstanden, Dutzende auch in Deutschland – in leer stehenden Geschäften und Privatwohnungen, in Bürohäusern und Fabriketagen. „Der Fabrikcharme, die Verbindung zur alten Arbeitswelt – das ist natürlich ein schönes Narrativ“, sagt der Coworking-Experte Tobias Kremkau. „Letztlich ist Coworking für die Anbieter aber ein schwieriges Geschäftsmodell – man nimmt, was man kriegt, man bezieht, was leer steht.“ Tobias Kremkau hat schon in mehreren Dutzend Coworking Spaces weltweit gearbeitet. Er ist Mitgründer des „Instituts für neue Arbeit“, das Unternehmen zum Wandel der Arbeit berät,
und er managt die beiden Coworking Spaces, die mittlerweile zum Sankt Oberholz gehören.

Manche Coworking Spaces sind geprägt durch ihre Nachbarschaft, andere durch die Nische, die sie anbieten – zum Beispiel Audioproduktion, Webdesign oder auch Kinderbetreuung. In manchen wird schweigend gearbeitet, in anderen viel geredet und gescherzt.

„Jeder muss für sich selbst herausfinden, welche Art von Coworking für ihn die richtige ist“, sagt Tobias Kremkau. Eins aber hätten alle gemeinsam: „Coworking braucht guten Kaffee.“ Die Kaffeeküche sei schließlich der Ort, an dem die „Member“ zusammenkämen, sich vernetzten
und Anschluss an die Gruppe fänden. In „Wir nennen es Arbeit“ feierten Sascha Lobo und Holm Friebe vor allem diese Vernetzung der kreativen Freiberufler mithilfe des Internets. „Etwas Besseres als die Festanstellung finden wir allemal!“, hieß es schon auf dem Buchrücken.

Aber sie ahnten, dass sich die digitale und vor allem kabellose Vernetzung auch in die Welt der Festanstellung ausbreiten und feste Arbeitsorte sich dadurch teilweise auflösen würden: „Wenn man überall arbeiten kann, dann möchte man das dort tun, wo man – in Maßen – am echten Leben dort draußen teilhaben kann“, schrieben sie. Und so sind es nun auch ebenjene Festangestellten und ihre Arbeitgeber, die Coworking Spaces für sich entdecken.

"Coworking braucht guten Kaffee."

Effizienter als zu Hause

So wie Jeannine Meier, die sich in der „Raumstation“ in Leipzig mit bis zu 18 Personen zwei Büros im Obergeschoss einer ehemaligen Tapetenfabrik teilt. Die 36-Jährige arbeitet als Fremdsprachenkorrespondentin für einen Münchner Dienstleister. Nach zwölf Jahren in der bayerischen Landeshauptstadt zog es sie aus privaten Gründen zurück nach Leipzig. Dort arbeitete sie ein Jahr lang im Homeoffice weiter – bis sie darauf keine Lust mehr hatte. „Man kommt nicht mehr raus, erledigt zu Hause so viele andere Dinge nebenbei“, sagt sie. „Ich hatte das Gefühl: Ich arbeite zu Hause nicht so effizient wie in einem Büro.“ So stieß sie vor drei Jahren zur Raumstation, wo sie sich viermal pro Woche an ihren festen Schreibtisch setzt.

Hin und wieder hilft sie dort auch aus, nimmt Anrufe entgegen oder pflegt die Listen mit den Tagesnutzern. Deshalb sind ihr die Betreiberinnen der Raumstation bei der Miete ein Stück entgegengekommen – Jeannine Meierbezahlt sie aus eigener Tasche. „Das Geld investiere ich gern“, sagt sie. „Mich motiviert, dass ich auf diese Weise bei meinem Arbeitgeber bleiben und gleichzeitig dort wohnen kann, wo ich mich wohlfühle.“

Arbeitgeber werden aktiv

Trotzdem ist sie damit die große Ausnahme unter den angestellten Coworkern. Manche Arbeitnehmer handeln mit ihren Vorgesetzten bezahlte Coworking-Kontingente aus, um ihre Homeoffice-Tage nicht im Schlafanzug am heimischen Küchentisch zu verbringen. In den allermeisten Fällen aber geht der Impuls von den Arbeitgebern selbst aus – und sie bezahlen ihren Angestellten auch den ausgelagerten Arbeitsplatz.

„Manche Unternehmen kaufen für ihre Angestellten Gutscheine für Tagestickets in Coworking Spaces, andere schicken ganze Projektgruppen wochenweise dorthin, und wieder andere lassen ihre Mitarbeiter sechs Wochen am Stück woanders arbeiten – als Teil-Sabbatical oder als eine Art Weiterbildung“, erzählt Dr. Stefan Rief vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart. Rief hat zusammen mit zwei Kollegen 2014 die Studie „Faszination Coworking“ veröffentlicht. Die Unternehmen versprechen sich durch das kreative Umfeld mehr Innovationen und motiviertere Mitarbeiter – im besten Fall entsteht dort das, was Tobias Kremkau „Serendepidität“ nennt: „wertvolle zufällige Beobachtung, durch die man voneinander lernt“.

Kein Metropolenphänomen mehr

Die Zahl der angestellten Menschen, die in Coworking Spaces arbeiten, ist jedenfalls in den letzten beiden Jahren sprunghaft angestiegen – so stark, dass manch ein Freelancer schon befürchtet, die kreative Atmosphäre könnte irgendwann kippen. In der Leipziger Raumstation schätzt Jeannine Meier den Anteil der Festangestellten auf ein Drittel – darunter sind Programmierer, Übersetzer oder Mitarbeiter im Außendienst. Tobias Kremkau kommt beim Coworking Space über dem Café Sankt Oberholz auf ähnliche Zahlen.

Mittlerweile ist Coworking längst kein hippes Metropolenphänomen mehr: Coworking Spaces entstehen verstärkt auch in mittelgroßen Städten – in Chemnitz und Kiel, in Wuppertal und Erfurt. „Genau da muss Coworking hin“, sagt Tobias Kremkau. „Die Leute müssten weniger pendeln, und in der Folge gäbe es weniger CO2-Emissionen und weniger Verkehrsunfälle.“ Daraus ergeben sich aus seiner Sicht ganz neue Aufgaben für die regionale Wirtschaftsförderung: „Sie muss vor Ort keine Jobs mehr schaffen, sondern ein attraktives Umfeld – denn meinen Job bringe ich schon mit.“

DANIEL KASTNER

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