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Bericht

Schwimmflügel für das einstige Traumschiff

Die letzte Fahrt der Costa Concordia

Schwimmflügel für das einstige Traumschiff

Die letzte Fahrt der Costa Concordia

Die Costa Concordia wird derzeit in Genua ausgeweidet. Es war die größte Bergung der Seefahrtsgeschichte – Technik aus Deutschland spielte dabei eine wichtige Rolle.

Da liegt es nun, das einstige Traumschiff, im Containerhafen von Genua. Nah an der Außenmole, gestützt von riesigen, luftgefüllten Schwimmkörpern, die mit Messtechnik der deutschen Firmengruppe Endress+Hauser funktionieren (siehe Infokasten). Ohne dieses Korsett aus Stahl würde die Costa Concordia wohl einfach auseinanderbrechen, kraftlos auf den Meeresboden sinken. Über die Steuerbord-Seite ziehen sich klaffende Wunden, durch die Außenwand frisst sich der Rost.

Nicht weit entfernt lief die Concordia vor neun Jahren als größtes und modernstes Flaggschiff der Kreuzfahrtreederei Costa Crociere vom Stapel. Ein Traumschiff für bis zu 3.780 Passagiere, 290 Meter lang, 35,5 Meter breit, 17 Stockwerke hoch. 450 Millionen Euro betrugen die ­Baukosten damals. Die Bergung und Verschrottung wird, so schätzt die Reederei, insgesamt rund 1,5 Milliarden Euro verschlingen.

 

Die Stahlkörper zur Aufrichtung der Costa Concordia wurden mit Messtechnik von Endress+Hauser befüllt beziehungsweise entleert. (Foto: imago/Insidefoto)

Fatale „Verneigung“ vor Giglio

Es war der 13. Januar 2012. Unter dem Kommando von Kapitän Francesco Schettino verlässt die Costa Concordia gegen 19 Uhr den Hafen von Civitavecchia. Eine Woche Kreuzfahrt durch das westliche Mittelmeer liegen vor den 4.229 Passagieren und Besatzungsmitgliedern. Viele Gäste machen sich auf den Weg in eines der fünf Restaurants des Schiffs, zu ihrem ersten Abendessen an Bord.

Auf dem Weg nach Savona passiert das Schiff die Insel ­Giglio, Schettino navigiert die Costa Concordia nah am Ufer. Er will die Inselbewohner mit einer „Verneigung“ grüßen, mit voller Beleuchtung und Nebelhorn, wie es auf Kreuzfahrtschiffen durchaus üblich ist. Doch ­diesmal ist die Verneigung zu tief, zu nah am Ufer – die Costa ­Concordia kracht um 21.45 Uhr gegen einen vorgelagerten Felsen. Er ritzt das Schiff auf, hinterlässt eine gut 70 Meter lange Wunde. Von einem heftigen Stoß berichten Passagiere, kurz danach fällt der Strom aus. Hunderte Tonnen Wasser schießen in das Schiff, dann beginnt sich die Costa Concordia zu neigen, zum letzten Mal. Sie kentert wenige Meter vom Ufer entfernt. 32 Menschen sterben.

In einem schwimmenden Containerdorf waren über 400 Menschen untergebracht, die das Wrack sicherten und erste Schwimmkörper anbrachten. (Foto: imago/United Archives International)

80 Prozent des Schiffs werden wiederverwertet

Über zwei Jahre lag die Costa Concordia vor der Insel, fast zwei Jahre wird es dauern, bis die Verschrottung ­abgeschlossen ist. Der Auftrag zum Abwracken ging an ein Konsortium der Ölfirma Saipem und der genuesischen Unternehmen Mariotti und San Giorgio del Porto. Mehrere hundert Arbeiter sind derzeit damit beschäftigt, das Innere des Wracks auszuweiden. Die gesamte Inneneinrichtung der fünf Restaurants und 13 Bars, des zweistöckigen Wellnessbereichs bis hin zu Tischen, Stühlen und der Teakholz-Verkleidung der Innenwände wird entfernt. Insgesamt
80 Gewichtsprozent des Wracks lassen sich wiederverwerten – vor allen Dingen der Stahl. In sechs Monaten, schätzt Marco Bisagno, Chef der Werft Mariotti, wird das Schiff dann so leicht sein, dass es in ein reguläres Hafenbecken geschleppt werden kann. Dort soll es dann endgültig zerlegt werden. Als „prekär“ bezeichnet es Bisagno, das Wrack nach dieser Zeit noch einmal zu bewegen.

Schließlich hat es schon die größte Bergung der Seefahrtsgeschichte hinter sich. Titan Salvage, „Weltführer“ in Sachen Bergung, erhielt von Costa Crociere im April 2012 den Auftrag, in Kooperation mit dem italienischen Offshore-Unternehmen Micoperi das Wrack zu heben. Ein Jahr, schätzte das Unternehmen damals, werden die Arbeiten dauern. Sie brauchten über zwei Jahre.

Das Schiff im Hafen von Genua, am Ende seiner letzten Fahrt. (Foto: imago/Matteo Gribaudi)

Die letzte Reise der Costa Concordia

Eineinhalb Jahre lag der havarierte Schiffsrumpf fast regungslos vor Giglio. Die ersten Arbeiten dienten der Sicherheit – und der Umwelt. Niederländische Experten entfernten das Schweröl aus den Schiffstanks und verhinderten damit eine Umweltkatastrophe. Und die Bergungsarbeiter waren damit beschäftigt, das 140 Tonnen schwere Felsstück, das noch immer im Rumpf steckte, zu entfernen.

Mit den Monaten bekam die Costa Concordia immer mehr Gesellschaft. Bis Ende des Jahres war das Wrack fast vollständig von Plattformen und Kränen umgeben. In einem schwimmenden Containerdorf waren über 400 Spezia­listen untergebracht, die an der Costa Concordia arbeiteten –
sieben Tage, sieben Nächte in der Woche. Sie sicherten das Wrack, errichteten eine Plattform auf dem Meeres­boden und brachten die ersten Schwimmkörper an der oben ­liegenden Seite an. Am 16. September 2013 setzte sich das Schiff zum ersten Mal wieder in Bewegung. ­Zentimeter für Zentimeter wurde es aufgerichtet. 19 Stunden dauerte der schwierigste Teil der Bergung, dann stand die Costa Concordia auf der Plattform.

Es dauerte weitere zehn Monate, bis das Wrack wieder schwimmen lernte. 19 weitere Schwimmkörper wurden rund um das Schiff befestigt. Eine gefährliche Tätigkeit für die Taucher; im Januar 2014 starb ein 41-jähriger ­Spanier bei Arbeiten unter dem Wrack. Dann, am 14. Juli, schwamm die Costa Concordia mit Hilfe ihrer stählernen Schwimmflügel wieder. Eine Woche später trat sie ihre letzte Reise an. Mit zwei Knoten zogen vier Schlepper das Wrack 350 Kilometer weit nach Genua, eskortiert von zehn Begleitschiffen. Nach etwas weniger als vier Tagen kamen sie in Genua an. Dort brauchten acht Schlepper noch einmal acht Stunden, um das Wrack im Container­hafen in ­Position zu bringen. An Bord der Costa Concordia koordinierte der Cheflotse in Genua, Giovanni Lettich, den Einzug des Schiffes in den Hafen. Er war bereits vor neun Jahren auf dem Schiff, lotste damals die prachtvolle Costa Concordia auf ihrer ersten Fahrt aus dem Hafen.

Bei der größten Bergung der Seefahrtsgeschichte waren Unternehmen aus der ganzen Welt beteiligt – darunter auch Endress+Hauser, einer der international führenden Anbieter von Messgeräten, Dienstleistungen und Lösungen für die industrielle Verfahrenstechnik. Das Unternehmen lieferte Drucksensoren, die bei der Aufrichtung des Wracks eine wesentliche Rolle spielten. Sie kamen in den rund
30 Stahlkörpern zum Einsatz, die der Costa Concordia wie eine riesige Schwimmweste Auftrieb und Stabilität verliehen. Je nachdem, wie viel Auftrieb nötig war, wurden die ­Schwimmkörper mit Wasser geflutet oder entleert. Dafür war eine zuverlässige und genaue Füllstandmessung nötig. Nur so konnte gesichert werden, dass die Costa Concordia gleichmäßig und gerade aufgerichtet wurde.

Die Willmy MediaGroup produziert für Endress+Hauser zweijährlich einen umfangreichen Katalog mit allen Produkten, Dienstleistungen und Lösungen. Die Ausgaben erzielen in Bezug auf den Druck regelmäßig Spitzenergebnisse beim INKA-Wettbewerb für Industriekataloge. Eine Besonderheit ist das hochwertige Dünndruckpapier.

Sarah Weik

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