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Reportage

Setzen, schauen, staunen

Mit dem Zug durch die Schweizer Bergwelt

Setzen, schauen, staunen

Mit dem Zug durch die Schweizer Bergwelt

Der Weg als Ziel: Wer die schönsten Seiten der Schweiz mit der Bahn entdeckt, erlebt Reisen als Selbstzweck. Zum Beispiel im berühmten Bernina Express, UNESCO-Welterbe. Auf solchen Fahrten braucht man nichts zum Lesen.

Die Schweiz hat das dichteste Eisenbahnnetz der Welt. Wer sich auf den Weg zur Station Davos Wiesen macht, weiß, warum. Die Schweizer haben Strecken und Bahnhöfe selbst in Schluchten gebaut, die zu Fuß nur mühsam und mit dem Auto nur abenteuerlich zu erreichen sind. Direkt neben dem sich windenden Waldweg geht es steil in den Abgrund. Für Leitplanken war wohl kein Platz, Gegenverkehr wäre ungünstig. Faustgroße Steinbrocken liegen auf dem Sträßchen, offensichtlich kürzlich vom Steilhang darüber gepoltert. Mit jeder Kehre wird klarer, warum die Bedienstete am Schalter im vergleichsweise urbanen Davos Platz zweifelte, ob es eine so gute Idee ist, just an diesem Bahnhof in den Zug zu steigen. Angekommen, gibt es außer dem hölzernen Bahnhäuschen mit grünen Fensterläden nur noch zwei weitere Häuser. Ziegengemecker und Wasserrauschen ist zu hören, sonst nichts. Vor dem Auge alpine Bilderbuch-Bergwelt – und das Erstaunliche ist: Das geht den ganzen Tag so, wenn man mal im Zug sitzt. Es wird sogar noch besser.

„Großartige Fernblicke in die heilig-phantasmagorisch sich türmende Gipfelwelt des Hochgebirges, in das man hinan- und hineinstrebte, eröffneten sich und gingen dem ehrfürchtigen Auge durch Pfadbiegungen wieder verloren.“

Strecke der Superlative

Im Bernina Express hat Bahnfahren so gar nichts mit dem effizienten Dahinrasen auf schnurgeraden Schnellstrecken zwischen gleichförmigen Dämmen zu tun. Die roten Züge klettern auf 122 Kilometern an einem halben Tag vom schweizerischen Chur, 584 Meter über dem Meer, auf bis zu 2.253 Höhenmeter, um sich dann wieder auf 429 Meter ins italienische Tirano hinabzuschlängeln. Auf der Abfahrt in den Süden spürt man deutlich den sich ändernden Luftdruck in den Ohren und die schwere Arbeit der Bremsen. Die Strecke der Superlative führt über Schluchten und Hänge, bei denen der Laie heute nicht auf die Idee kommen würde, dass man dort einen Zug entlangfahren lassen kann – geschweige denn vor über 100 Jahren. Die Berninabahn, 1910 vollendet, ist die höchstgelegene Alpentransversale und eine der steilsten Adhäsionsbahnen (d.h. ohne Zahnräder oder Seil) der Welt.

Vom Gletscher zu den Palmen

Der Eisenbahnbau war die Grundlage für den Tourismus im Oberengadin. Allein am knapp sechs Kilometer langen Albulatunnel, dem höchsten Alpendurchstich einer voll ausgebauten Bahn, arbeiteten Hunderte Menschen. Die Verbindung erschloss Attraktionen und ist bis heute selbst eine – im doppelten Sinne: Die einspurige, schmale Strecke fügt sich oft ins Landschaftsbild, wie es eine Straße niemals könnte. Außerdem ließe sich die Umgebung während einer Autofahrt kaum so genießen. Möglich machen die Alpenüberwindung 55 Tunnels und über 196 Brücken, darunter Kehrtunnels und das berühmte Kreisviadukt von Brusio. Nur dank der künstlichen Streckenverlängerung auf kleinstem Raum des als Viertelkreis angelegten Viadukts kann die Bahn den Höhenunterschied bewältigen. Glitzerte vor Minuten noch Schnee in der Sonne, herrscht hier im Poschiavo-Tal fast mediterranes Flair mit Palmen und Weinhängen.

Auf der höchstgelegenen Bahnstrecke über die Alpen: Ohne Wolken kann die Freiheit dort grenzenlos sein. (Foto: Samuel Heller)

Grenzenlos an der Baumgrenze

Die Bahn überwindet innerhalb weniger Stunden nicht nur Klimagrenzen, sondern auch Baum-, Landes-, Sprach-, Währungs- und Wassergrenze. Fließen die Gewässer nördlich des Berninapasses über die Donau ins Schwarze Meer, streben die südlichen über den Po ins Adriatische Meer. International auch die Fahrgäste, die auf Hochdeutsch, Englisch, Italienisch und Französisch in Broschüren und Durchsagen informiert werden. Der Zugbegleiter gibt weniger den Ticketkontrolleur als den engagierten Fremdenführer, der Tipps für Schnappschüsse gibt. Das Klicken und Piepsen der Kameras wird praktisch nur in Tunneln unterbrochen. An wenigen Orten dürften so viele durch Fensterglas verspiegelte Bilder entstehen. Angesichts der Motive nehmen die Passagiere diesen Makel auf den Erinnerungsfotos in Kauf.

Ausblicke erster Klasse

Postkartenidylle, stundenlang, Gebirgskulisse, kilometerweit: Bergmassive, Hochtäler, Schluchten, Sturzbäche, Trockenwiesen, Kiefernwälder, Stauseen, Schneefelder, Bahnhäuschen und Dörfer tauchen nach Biegungen oder Tunneln genauso plötzlich auf, wie sie wieder verschwinden. Enge wechselt mit Weite. Spätestens, wenn der Zug oben auf dem Alpendach angekommen dem endlosen Horizont entgegenzieht, liegt Freiheit in der Luft. Das gilt jedenfalls bei gutem Wetter – bei Nebel kann es auch passieren, dass die nächste Tanne kaum zu sehen ist. Wenn es nicht steil hoch geht, geht es steil runter, wenn es mal nicht steil runter oder hochgeht, geht es zumindest eng in die Kurve. Die Bahn erreicht fast nie die Geschwindigkeit, die man auf ordinären Strecken gewohnt ist. Und das ist gut so.

Die Auswahl an besonders charakteristischen und reizvollen Bahnverbindungen sowie passenden touristischen Angeboten in der Schweiz ist groß. Das dichteste Eisenbahnnetz der Welt erleichtert das entspannte Reisen ohne Auto. (Grafik: SBB)

Höher, weiter, langsamer

Es fährt ohnehin niemand mit, um möglichst schnell von A nach B zu kommen. Außerdem würden die vorbeiziehenden Landschaften auch einen längeren Aufenthalt lohnen. Selbst die Rückfahrt bleibt abwechslungsreich und spannend, schon weil zu späterer Stunde alles in einem anderen Licht erscheint. Obwohl überall Zeichen der Zivilisation wie Zäune, Wege und Stromleitungen zu sehen sind, fühlt man sich sehr klein gegenüber den Dimensionen der Welt vor den Fensterscheiben. Wunderbare Fleckchen Erde, ansonsten, wenn überhaupt, nur mühsam zu Fuß erreichbar, sind bequem und umweltfreundlich im Sitzen zu bestaunen. Berge ohne festes Schuhwerk erobern – hier ist es möglich. Selbst wer nicht schwindelfrei ist, kann entspannt in ein paar Abgründe blicken.

Einmal Welterbe und zurück

Und auch wer kein Eisenbahnromantiker oder Technikfreak ist, wird hier zum Bahnfahrfan. Das Werbeprospekt übertreibt nicht: „ein Meisterwerk der Ingenieurskunst“. Das lässt darüber hinwegsehen, dass sich das Rudel Steinböcke vom Werbefoto heute nicht blicken lässt. Immerhin: Ein Mitarbeiter schiebt regelmäßig einen Cateringwagen durch den Zug, den der lebensgroße Kopf eines Stoffsteinbocks ziert. Dessen Nase sieht allerdings aus, als müsste er auch als Prellbock herhalten. Von diesem Detail abgesehen, zeigt sich die Schweiz geradezu klischeehaft ideal, nicht nur landschaftlich. Schmucke Stationshäuschen aus Holz oder Naturstein mit farbig-leuchtenden Fensterläden, keine Zigarettenkippe auf den Bahnsteigen. Es fühlt sich ein bisschen an, als fahre man durch eine Modelleisenbahnanlage im Maßstab 1:1. Was floskelhaft klingt, stimmt einfach: Gewachsene und erhaltene Baukultur und Kulturlandschaft bilden ein harmonisches Ganzes. Nicht umsonst hat die UNESCO 2008 die Strecke zusammen mit der umgebenden Landschaft ins Welterbe aufgenommen. Der Bernina Express macht abgenutzte Formulierungen aus Reisekatalogen wahr: ein einmaliges Erlebnis.

Das Internetportal der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) informiert unter „Freizeit & Ferien“ über Kurztrips in der Schweiz, zum Beispiel auch Bahnangebote mit Hotel.

sbb.ch

Die offizielle Website von Schweiz Tourismus hält Informationen unter anderem zu Reisezielen und Unterkünften bereit. Unter Transport und Öffentlicher Verkehr gelangt man zum Swiss Travel System, dass das Reisen per Bahn und Bus für ausländische Touristen erleichtert.

myswitzerland.com

Speziell zum Bernina Express (und zum Glacier Express) finden sich Angaben zu Fahrplänen und Haltestellen beim Betreiber Rhätische Bahn.

rhb.ch

Neben gängigen allgemeinen Reiseführern wie dem Baedeker oder dem Marco Polo Schweiz sind zum Beispiel zwei speziellere Publikationen im Fachverlag Geramond erschienen:

  • Ralph Bernet: Die Schweiz mit dem Zug entdecken: Informationen, Eisenbahn-Routen und 99 Bahn-Erlebnisziele
  • Silvia und Dietmar Beckmann: Die schönsten Eisenbahnen der Schweiz: 50 Traumstrecken zwischen Rheinfall und Matterhorn

Der weitaus größte Teil des Schweizer Bahnnetzes wird von den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) betrieben. Deren Touristiktochter RailAway vermarktet Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln in der Schweiz, zum Beispiel auch Pauschalangebote mit Panoramazügen. Die Kataloge und Broschüren werden mit der Web-to-Print-Applikation GeNERA der Willmy MediaGroup hergestellt – bei einer Einsparung von 75 Prozent der vorherigen Produktionskosten.

Samuel Heller

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