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MANUFAKTUREN

Prägendes Einkaufserlebnis

Liebevolle Unikate statt seelenlose Massenware: Die große Sehnsucht nach Authentizität treibt den Manufakturen in Deutschland wieder Kunden zu.

Prägendes Einkaufserlebnis

Liebevolle Unikate statt seelenlose Massenware: Die große Sehnsucht nach Authentizität treibt den Manufakturen in Deutschland wieder Kunden zu.

Die Zahl der Manufakturen in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht – zu Besuch in der Lecrio Ledermanufaktur.

Eine Nähmaschine surrt leise vor sich hin, immer wieder ein dumpfes Pochen. Es riecht nach Leder, ein bisschen auch nach Öl. Hier wird gearbeitet, und zwar mit Leidenschaft. Im mittelfränkischen Roßtal läuft die Produktion auf Hochtouren – würde man sagen, wäre dieser Betrieb eine Fabrik wie viele andere und nicht eine Manufaktur. Stattdessen nehmen sich die acht Mitarbeiter der Lecrio Ledermanufaktur auch mal Zeit für den persönlichen Austausch. Und um sich auf Zuruf Aufgaben zuzuschustern. Hierarchien zählen dabei nicht. So entstehen modische Handtaschen, Babyschühchen, Lederfliegen, Schlüsselanhänger und mehr. Alles in Handarbeit. Vieles in Serie. Das meiste auf Bestellung.

EXPANDIEREN STATT DICHTMACHEN

„2016 konnten wir unseren Umsatz um 30 Prozent steigern“, sagt Dorothea Frombach. Die 27-Jährige ist 2012 in die Schuhmanufaktur ihres Opas und Vaters eingestiegen und hat das Geschäft seitdem umgekrempelt. Eigentlich wollte die studierte Betriebswirtin nur beim gewinnbringenden Verkauf eines Lebenswerks unterstützen. Heute steht sie selber an der Prägemaschine und labelt stolz ihre fertigen Produkte mit dem Namen Lecrio Ledermanufaktur.

„Lecrio steht für Leder-Kreationen. Wir sind auf modische Accessoires spezialisiert, die individualisiert werden können. Das kommt prima an. Jetzt, wo es so gut läuft, wären wir blöd, aufzuhören“, lächelt sie, auch wenn das für sie bis zu 80 Wochenarbeitsstunden bedeutet. „Mir geht es nicht ums Geld, sondern um die Leidenschaft. Wir stellen etwas Authentisches, Einzigartiges her und das merken die Kunden.“

Zwei Generationen: Gründer Johann Schmidt entwirft zusammen mit seiner Enkelin Dorothea Frombach die Taschen der Manufaktur.

ÜBER 600 DEUTSCHE MANUFAKTUREN

Seit 1978 gibt es die Manufaktur in Roßtal schon. Nur wenige der mittlerweile über 600 Manufakturen in Deutschland können auf so eine Tradition zurückblicken. „Als wir unseren Verband gegründet haben, haben wir gegoogelt und dabei 30 Manufakturen in Deutschland aufgespürt. Das war 2010. Ein halbes Jahr später waren es schon 60, dann 120. Und so weiter“, sagt Wigmar Bressel vom Verband Deutsche Manufakturen.

Dorothea Frombach liegt mit ihrer Manufaktur also voll im Trend. In einer Welt undurchschaubarer Konzernstrukturen verheißen Manufakturen Einfachheit und Transparenz. „Während die Industrie verschleiert, wie und unter welchen Umständen hergestellt wird, zeigen Manufakturen ganz offen, mit wie viel Sorgfalt sie arbeiten“, sagt Wigmar Bressel. Konsumforscher Wolfgang Ullrich ergänzt: „Dass mir erzählt wird, dass ein Mensch so lang und unter diesen Umständen am Produkt gearbeitet hat, wertet das Produkt auf.“

Manufakturchefin Dorothea Frombach verwandelte mit Mitte 20 das Geschäft ihrer Familie in eine neue Marke.

ERLEBEN ALS MEHRWERT

Auch die Türen der Ledermanufaktur stehen jederzeit offen. Dorothea Frombach lädt ihre Kundschaft zu sich ein. Vor Ort dürfen sie das Leder, die Farbe, das Futter und Schmuck-Applikationen aussuchen. Und das wollen sie auch: „Ich habe Kunden, die reisen aus Berlin an. Ursprünglich hatten wir einen Online-Konfigurator, über den man per Mausklick Produkte individualisieren konnte. Aber so ein Tool kann die Vielfalt, die wir bieten, gar nicht abbilden. Außerdem lieben es unsere Kunden, beim Kreationsprozess persönlich dabei zu sein“, erklärt sie.

Studien zu personalisierten Müslis, Schokolade und Co. belegen die Beobachtungen der Unternehmerin. So haben Forscher der RWTH Aachen herausgefunden, dass Kunden oftmals Produkte individualisieren, nicht etwa, weil sie ein Unikat haben wollen, sondern weil sie dabei etwas erleben. Dabei gilt: Je persönlicher das Erlebnis, umso höher der Mehrwert.

PRODUKT E MIT GESCHICHTE

Manufakturprodukte können hierbei auch aus der Ferne punkten, sagt Wolfgang Ullrich: „Ein anonymes Produkt ist stumm und ohne Geschichte. Wenn ich ein Manufakturprodukt kaufe, habe ich das Gefühl, dass ich mir so auch ein Stück dieser selbstbestimmten Lebenswelt kaufe. Wenn ich also ‚Manufaktur‘ höre, entsteht bei mir eine Emotion. Das hat starke werbliche Kraft.“

Kein Wunder also, dass es auch viele Trittbrettfahrer gibt. „Wöchentlich habe ich Anfragen von Firmen, die sich Manufaktur nennen wollen. Aber aus unserer Sicht sind viele davon Handwerksbetriebe, Kunsthandwerker oder Dienstleister“, sagt Wigmar Bressel. Laut Definition des Verbands sind Manufakturen Betriebe, die mit mindestens fünf Mitarbeitern in mehreren Arbeitsschritten Produkte weitgehend in Handarbeit herstellen und fertig verkaufen.

ARBEITSTEILIGES HANDWERKEN

Genau so läuft die Arbeit in der Lecrio Ledermanufaktur ab. In Zusammenarbeit mit seiner Enkelin entwirft Modelleur Johann Schmidt eine Tasche. Der erste Arbeitsschritt ist ein Papiermodell. Wird es für gut befunden und soll es in Serie gehen, wird ein Stanzmesser beauftragt. Ein Mitarbeiter stanzt damit das Leder oder schneidet es bei kleineren Auflagen per Hand mit dem Skalpell zu. Im Anschluss wird das Leder an der Spaltmaschine auf die richtige Dicke gebracht und die Nahtstellen anschließend geschärft, damit trotz Überlappung eine ebene Oberfläche entsteht. Dann wird verklebt und genäht. Nach fünf bis acht Stunden ist die Tasche fertig.

„In der Manufaktur entscheidet der Mensch darüber, wann und ob ein Produkt fertig ist, also perfekt ist“, betont Wigmar Bressel. „Das suggeriert Qualität. Deshalb gibt es wahrscheinlich diese abstrusen Namenskonstrukte wie PR-Manufaktur.“ Angst macht ihm der Manufaktur-Overkill nicht, vielmehr sieht er eine Chance darin, noch mehr Menschen zu erreichen. Lecrio-Chefin Dorothea Frombach hält dagegen: „Ich glaube schon, dass sich das negativ auswirken kann. Denken Sie an ‚Made in Germany‘ und was daraus geworden ist. So etwas verunsichert die Leute.“

Laut Wigmar Bressel zeichnet sich noch nicht ab, ob der Manufaktur-Trend bereits seinen Höhepunkt erreicht hat. Ob noch mehr Kunden darauf anspringen, sei keine Frage des Geldes: „Das hängt stark mit der Bildung zusammen. Unsere Kunden sind Überzeugungstäter, Leute, die sich mit Nachhaltigkeitsthemen bewusst auseinandersetzen.“ Dorothea Frombach schiebt nach: „Ich glaube schon, dass wir Luxus verkaufen. Unsere Produkte braucht doch kein Mensch. Aber sie machen unseren Alltag schöner. Und das ist es doch, was zählt“, sagt sie mit einem Augenzwinkern und meint damit auch ihre Arbeit in der Lecrio Ledermanufaktur in Roßtal.

Die Lecrio Ledermanufaktur stellt seit 2013 modische Accessoires in Handarbeit her. Sie ist aus der traditionellen Schuhmanufaktur Johann Schmidt hervorgegangen. Insgesamt 70 Artikel umfasst das Portfolio mittlerweile, darunter Taschen, Fliegen, Schlüsselanhänger und Babyschuhe. Welche Farbe, welches Futter und welches Leder die Artikel haben, kann der Kunde größtenteils selbst bestimmen. Aber auch fertige Produkte werden unter dem Label Lecrio Pure verkauft – zum Beispiel im eigenen Laden, dem Lecrio Wohnzimmer in Roßtal.
lecrio.com

Annette Link

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