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REPORTAGE

Papierproduktion 1.0

Wie Papier in Handarbeit entsteht

Papierproduktion 1.0

Wie Papier in Handarbeit entsteht

Papier war ein hochexklusives Gut, als es vor 625 Jahren erstmals hierzulande hergestellt wurde. Heute ist handgeschöpftes Papier wieder ein Luxusprodukt. Zu Besuch bei einem der Letzten seiner Zunft.

Der Holzboden knarzt bei jedem Schritt, die Luft ist überraschend kühl und riecht sanft nach ­altem Stoff. Die Wände in den Werkräumen sind rau und unverputzt, in den Regalen nagt die Zeit an altem Werkzeug. Oben, im zweiten Stock, sind die 1960er-Jahre konserviert, in Orange und Petrol. Unten, im Keller, das Zeitalter der Industrialisierung, mit seinen mächtigen gusseisernen Maschinen. Dazwischen überall Papier und Pappe: auf Stapeln, an Seilen, in Pressen und Klammern, liegend, hängend. Und wie ein Mantra dringt das Rauschen des Bischbachs, der das Mühlrad antreibt, durch jeden Raum, jedes Jahrzehnt. Nichts hier ist inszeniert, alles ist, wie es war. Familie Follmer hat in ihrer Papiermühle die Zeiten eingefroren. Jeder Raum erzählt einen Teil der Geschichte, die 1807 begann, 1975 für mehrere Jahre unterbrochen wurde und nun wieder lebendig ist.
Wie ein Denkmal aus vergangenen Zeiten thront die Papiermühle der Familie Follmer in Homburg am Main, einem Ortsteil des unterfränkischen Triefensteins. Ein beeindruckendes Fachwerkgebäude, das viel zu erzählen hat. Über Papier und über die Familie Follmer – deren Geschichten seit Generationen miteinander verwoben sind. Auch heute noch, obwohl die Familie den Betrieb 1975 einstellte. 20 Jahre später erwachte die Mühle wieder aus ihrem Dornröschenschlaf – als Museum. Und sogar Papier wird hier wieder produziert. Keine Massenware, sondern ein Qualitätsprodukt, das Blatt für Blatt entsteht. Johannes Follmer schöpft in seiner Werkstatt in der Papierscheune Büttenpapiere, wie es bereits sein Ur-Ur-Großvater getan hat. Per Hand und mit viel Geduld.

Vor dem Schöpfen vermischt Johannes Follmer Baumwolle, Wasser und Leim in der Eichenbütte. Er stellt auch Papiere für die Restaurierung historischer Bücher her – wie er dabei vorgeht, verrät er nicht. (Foto: Martin Rehm)

Das Mühlrad: noch immer im Dienst

Vor dem Fenster der Werkstatt rauscht der Bischbach aus einem Rohr in die Tiefe und hält das moosbewachsene ­eiserne Mühlrad in Gang. Früher sorgte es dafür, dass der „Holländer“ rumpelnd die Rohstoffe zerkleinerte, aus ­denen das Papier entstand. Die Maschine zermalmt Platten aus Baumwolle oder Lumpenreste mit Wasser und Leim zu einem Papier-„Urstoff“. Heute kommt der Strom für die ­Maschine aus der Steckdose, erzählt Follmer. Doch nutzlos ist das acht Meter hohe Mühlrad dennoch nicht: Es versorgt das Museum mit Strom.
Follmer erzählt mit leiser, sanfter Stimme. Doch noch ­lieber lässt er seine Arbeit für sich sprechen. Denn der 44-Jährige macht Papier, das nicht nur ein Medium für Sprache ist, sondern selbst etwas zu sagen hat. Dem man jede Arbeitsstunde anmerkt, die in ihm steckt. Das mal weich und samtig ist oder fein strukturiert, mal baumwollweiß oder mit Blüten durchsetzt. Je nachdem, wie es seine Kunden wünschen. Gerade fertigt er für einen Kalligrafen einige Bögen Papier, ein Sonderformat für Urkunden. ­Follmer holt dafür ein fein geripptes Sieb mit Wasserzeichen aus dem Regal. Er hat eine ganze Sammlung an Sieben, handwerkliche Meisterstücke sind darunter, die immer schwerer zu bekommen sind. Da hilft es natürlich, wenn die Familie bereits seit 160 Jahren Papier fertigt.

Die Menschen treibt es zurück zum Haptischen.

Ab- und Wiederaufbau der Mühle

Die Geschichte der Mühle beginnt eigentlich schon vor 1807, in Windheim am Rande des Spessarts. Hier betrieb Leonhard Leinzinger die Mühle aus dem 17. Jahrhundert mit Wasser aus der Hafenlohr. Doch auf dem Fluss wurde immer mehr Holz geflößt – bis das Wasser zu schmutzig wurde für die Papierherstellung. Balken für Balken baute Leinzinger seine Mühle ab und in Homburg wieder auf, 200 Meter von der Quelle des Bischbachs entfernt.
Ein Aufwand, der sich für ihn dennoch lohnte. „Papier war damals noch ein Luxusprodukt“, erzählt Follmer. Es war gelehrten oder reichen Schichten vorbehalten. „Papier zu machen war eine Kunst – das Handwerk wurde meist mündlich vermittelt, aufgeschrieben wurde kaum etwas.“ Er lächelt verschwörerisch. „Papierherstellung ist schon immer auch mit Geheimnissen verbunden.“
Mitte des 19. Jahrhunderts wollte Leinzinger seine Mühle verkaufen, an jemanden, der etwas von dem Handwerk versteht. Eher zufällig hörte der Pfälzer Papiermachergeselle Johann Follmer davon, der gerade auf einer zehnjährigen Walz durch Europa alles über die Papierherstellung aufsog, was es damals zu lernen gab. 1853 übernahm er die Mühle.

Die Papiermühle trägt ein dreistöckiges Dach, das viel Platz bot, um die Papiere in einzelnen Bögen zu trocknen. (Foto: Martin Rehm)

Im Dornröschenschlaf

Sein Ur-Ur-Enkel Johannes Follmer war noch ein Kind, als seine Familie den Mühlenbetrieb schließlich einstellte. Papier war längst zum Massenprodukt geworden und die Maschinen der Mühle mittlerweile zu alt, um mit der aktuellen Entwicklung Schritt zu halten. Hinzu kamen neue umwelt- und sicherheitstechnische Auflagen, die die alte Mühle nicht mehr erfüllen konnte. „Die Investitionen wären für uns einfach zu hoch geworden“, erklärt Kurt ­Follmer, der Senior. Nach 1975 fiel die Mühle dann in ­einen Dornröschenschlaf. Sie wurde unter Denkmalschutz gestellt und die Familie zog aus, um diesen Status nicht zu gefährden. Küche, Esszimmer, Wohnzimmer – noch heute sind die Räume so zu sehen, wie die Familie sie damals verlassen hat.
„20 Jahre passierte dann eigentlich gar nichts“, erzählt Kurt Follmer. Doch er arbeitete weiterhin unermüdlich daran, aus der Mühle seiner Familie ein Museum zu machen. Seine Hartnäckigkeit bei den Denkmalbehörden, bei Stiftungen und Landesämtern hatte Erfolg. In den 1990er-Jahren wurde die Papiermühle aufwändig restauriert und zu einem Museum umgebaut. Die Verbindung zwischen der Familie Follmer und dem Papier, so schien es, war fortan auf das Bewahren der Vergangenheit beschränkt. Johannes Follmer arbeitete als Schreiner, sein Bruder in der Landwirtschaft.

„Doch durch die Arbeit am Museum habe ich mich immer stärker für die Papierherstellung interessiert“, ­erzählt Johannes Follmer. Eine weitere Ausbildung kam für ihn allerdings nicht in Frage. „Als Papiermacher kommt man heute im Zweifel ja gar nicht mehr mit dem Produkt in Berührung.“ Er interessierte sich für den Beruf, wie er früher war, wie ihn sein Ur-Ur-Großvater noch ausübte. Er ­wollte nicht nur eine Maschine bedienen, sondern an der Bütt stehen. Und ähnlich wie sein Vorfahre begab sich ­Follmer auf eine Art Walz. Er belegte einige Seminare an der Papier­macherschule in Gernsbach, heuerte für einige Tage in der Basler Papiermühle oder in der Büttenpapierfabrik in Gmund am Tegernsee an. „Ich habe mir mein Wissen zusammengesammelt.“

Johannes Follmer fertigt Papier für „anspruchsvolle Individualisten“.

Auf Wunsch bekommen Kunden Papier mit eigenem Wasserzeichen.

Die Papiere entstehen etwa aus Baumwolle, Flachs, Hanf oder Lumpen und können unter anderem auch mit Blüten verfeinert werden.

Im Prinzip, sagt Follmer, sei er für jeden Wunsch offen. „Einfach anfragen und ich erstelle dann ein Angebot“, lautet sein Rat. Einzige Voraussetzung: „Man muss dem Ganzen natürlich Zeit geben. So einen Auftrag erledige ich nicht ‚bis morgen‘“.

Weitere Informationen über die Manufaktur im Internet unter www.homburger-papiermanufaktur.de

Das acht Meter hohe Mühlrad trieb früher den sogenannten Holländer an, eine Maschine zur Zerkleinerung der Ausgangsmaterialien Baumwolle oder Lumpen. Heute versorgt es das Museum mit Strom. (Foto: Martin Rehm)

„Papier braucht seine Zeit“

Follmer gibt den Faserbrei aus Baumwolle, Wasser und Leim in die Eichenbütte. Das Wasser, gibt er zu, kommt mittlerweile aus dem Wasserhahn und nicht mehr aus dem Bach. „Wobei die Gemeinde das Quellwasser auch als Trinkwasser nutzt – also ein Teil kommt nach wie vor aus dem Bischbach.“ Mit einem Rührlöffel verquirlt er die Mischung kräftig. Wie träge Schneeflocken treiben die Baumwollfasern durch die Bütte, als Follmer behutsam das Sieb in das Gemisch taucht und nach einigen Sekunden genauso behutsam wieder heraushebt. Genau waagerecht. Konzentriert haftet sein Blick auf den weißen Rechtecken. Immer wieder rüttelt er an dem Sieb, damit sich die Fasern möglichst gleichmäßig verteilten. Es sind kurze, kräftige Bewegungen, bestimmt, aber nie hektisch. „Hektik verträgt sich überhaupt nicht mit dem Papiermachen“, sagt er. „Papier braucht seine Zeit.“ An Tagen, an denen im Museum viel los ist oder eine Veranstaltung in der zu mietenden Scheune ansteht, geht Follmer deshalb lieber gar nicht erst an die Bütte. „Wenn die innere Ruhe fehlt, schadet das dem ­Papier.“ Schließlich muss bei einem Auftrag jeder Bogen die gleiche Konsistenz, die gleiche Stärke haben.
Sobald nur noch wenig Wasser vom Sieb tropft, legt er es vorsichtig auf den Rand der Bütte und tupft mit einer Pinzette überflüssige Fasern vom Rand. Kleine Dellen bessert er mit einer Pipette aus. Dann dreht er das Sieb, legt den zu Rechtecken erstarrten Faserbrei auf einer Filzunterlage ab und lehnt sich mit seinem Gewicht darauf. „Gautschen“ heißt diese erste Pressung im Fachjargon, erklärt Follmer. Über das Papier legt er einen weiteren Filz. Schicht um Schicht wächst der Stapel.
Ob sich der ganze Aufwand tatsächlich lohnt? „Anfangs war ich schon skeptisch, ob das die richtige Entscheidung war“, sagt der 44-Jährige. Doch inzwischen sei das Papier­machen viel mehr für ihn als nur ein Beruf. „Es ist eine Berufung.“ Er glaubt an seine Arbeit. Und daran, dass es immer Menschen geben wird, die gutes Handwerk zu schätzen wissen. „Ich glaube sogar, dass es eher mehr wird“, sagt er. „In unserer digitalisierten Welt ist vieles mittlerweile unfassbar geworden – da treibt es die Menschen zurück zum Haptischen.“ Und dann erhalten lebendige, fühlbare Produkte wie sein Papier auch eine ganz andere Art der Wertschätzung.

Papier hat Gewicht: Johannes Follmer hat den Eindruck, dass viele Menschen gerade wegen der Digitalisierung das Greifbare schätzen. (Foto: Martin Rehm)

Auftrag für die Anna Amalia Bibliothek

In Fachkreisen hat sich seine Arbeit schon lange herumgesprochen. Aus einem Papierumschlag holt er einige kleinere Stücke Papier. „Von der Anna Amalia Bibliothek“, erklärt Follmer. Die Weimarer Bibliothek, die 2004 abbrannte, hatte schon früher Aufträge an ihn vergeben. Für eine Buchrestaurierung braucht sie nun ein Papier in einer ganz bestimmten Farbe, ein dunkleres Creme. „Da muss ich jetzt erstmal analysieren, aus welchem Rohstoff das Papier gefertigt wurde und es dann Schritt für Schritt ­nachbauen.“ Wie genau er dabei vorgeht, will er nicht verraten. „Sie wissen: Betriebsgeheimnis.“ Er lächelt und legt die Papier­stücke wieder zurück in den Umschlag mit dem Stempel der Herzogin Anna Amalia Bibliothek.
Mittlerweile hat Follmer einige Dutzend Blatt Papier geschöpft – Zeit für die hydraulische Presse, eine Eigenkonstruktion. Mit einem Brummen presst die Maschine die Schichten aufeinander, links und rechts läuft das Wasser in orangerote Eimer. Dann legt er die Papierbögen zwischen Löschpapier. Später hängt er sie an einer Klemmleiste auf. Bis zu zwei Wochen dauert der Trockenprozess. Auf dem mehrstöckigen Dachboden können Besucher noch erahnen, wie dieser Prozess früher aussah. Reihenweise Klemm­leisten standen hier bereit, um hunderte Blatt Papier und später vor allem Kartonbögen gleichzeitig zu trocknen.
Heute hat Follmer deutschlandweit noch zwei Kollegen. „Aber ich bin der einzige mit historischem Hintergrund“, sagt er. Ein Vorteil, klar. „Die Mühle ist ein Türöffner für mich. Und auch das Museum profitiert davon, dass hier wieder Papier gemacht wird.“ Seine Nachfolge ist übrigens auch schon gesichert. Zumindest steht für den achtjährigen Valentin fest, dass er später auch einmal Papiermacher wird – „wie Papa“. Mit Schulfreunden hat er sogar schon eine Firma gegründet, die Papier verkauft. Und auch Anton hilft mit seinen sechs Jahren bereits, wo er kann. Follmer lächelt. „Abwarten“, sagt er nur. Aber seinem Lächeln ist anzusehen, wie sehr ihn das freuen würde.

Die Papiermühle ist vom 1. Mai bis 31. Oktober für Besucher zugänglich – für Gruppen öffnet Familie Follmer jedoch auch außerhalb der Saison ihre Türen.

Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr. An Wochenenden und an Feiertagen von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr. Montags ist die Mühle geschlossen.

Preise: Der Eintritt beträgt für Erwachsene 2 Euro, ermäßigt 1,50 Euro. Gruppen ab zehn Personen zahlen ebenfalls 1,50 Euro pro Person, mit Führung 4 Euro pro Person. Kinder bis 6 Jahre zahlen keinen Eintritt.

Familie Follmer bietet auch Führungen, Papierschöpfen und Maschinenvorführungen an – jeweils nach ­Voranmeldung.

Kontakt: Museum Papiermühle Homburg,
Gartenstraße 11, 97855 Homburg/Main,
Telefon: 09395 99222,
E-Mail: info@homburger-papiermanufaktur.de
Weitere Informationen zur Papiermühle im Internet unter www.papiermuehle-homburg.de

Sarah Weik

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