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PORTRÄT

Milch zum Anziehen

Mikrobiologin macht Mode aus Milch

Milch zum Anziehen

Mikrobiologin macht Mode aus Milch

„Milch ist der geilste Rohstoff der Welt“ – sagt Anke Domaske. Die 30-Jährige macht aus saurer Milch Kleidung, die auch Allergiker tragen können.

Anke Domaske streicht mit der Handfläche sanft über die Maschine. „Die habe ich mir selbst zu Weihnachten geschenkt.“ Sie legt den Kopf schräg und lächelt. „Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Sie lacht jetzt, laut und herzlich. Vor ihr steht ein Extruder, eine Art riesige Nudelmaschine. Normalerweise kein Anblick, der Frauenherzen höher schlagen lässt. Doch für Anke Domaske hat sie einen ganz besonderen Stellenwert: Es ist die erste Maschine, die in die alte, gut 3.000 Quadrat­meter große Industriehalle im Gewerbepark Oberricklingen in Hannover eingezogen ist. Die Maschine, mit der ihre Idee begann, Realität zu werden und die nun ihren Teil dazu beiträgt, dass aus Milch Kleider werden. So ganz kann die 30-Jährige das immer noch nicht glauben. Sie geht einige Schritte weiter, zur gut zehn Meter hohen Produktionsanlage. Aus einer Art riesigem Duschkopf „regnen“ hier hauchdünne Milchfasern nach unten, werden auf Spulen gewickelt und zu Fäden versponnen. Sie habe lange gebraucht, um das Gefühl loszuwerden, dass sie nur vor einer Hollywood-Kulisse stehe. „Ich dachte immer: Wenn ich sie jetzt antippe, fällt sie einfach um.“ Zu deutlich hat sie noch die Anfänge vor Augen, die ersten Experimente mit einem Küchenmixer.

Der Modedesignerin und Biologin Anke Domaske gelang es, aus Milch Kleidung herzustellen. Manchmal kann sie es kaum glauben, dass ihre Vision Realität geworden ist. (Foto: Sarah Weik)

Von der Idee zur Produktion

Der Weg von der Idee bis zum Unternehmen QMilch mit eigener Produktion war weit: vollgepackt mit Rückschlägen und Frust, aber auch extremen Glücksmomenten, wie Anke Domaske erzählt. Heute wolle sie keinen Zentimeter dieses Weges missen, sagt sie. Und wer die blonde junge Frau erlebt, wie sie durch „ihre“ Industriehalle führt, wie sie strahlt und lacht und aus dem Erzählen kaum mehr heraus­kommt, glaubt ihr das sofort.

Natürlich ist Anke Domaske klar, dass sie als junge Gründerin im produzierenden Gewerbe eine Exotin ist. Doch darüber, sagt sie, mache sie sich eigentlich kaum ­Gedanken. Ihr ging es einfach darum, ihre Idee zum Leben zu erwecken. „Und wenn ich etwas anfange, dann ziehe ich das auch gnadenlos durch.“ Nach dem Abitur wollte Anke Domaske unbedingt nach ­Japan. Sie war schon immer fasziniert von dem Land und der Kultur. „Als Kind wollte ich Shaolin-Mönch werden.“ Sie kichert, als sie das erzählt. „Dann habe ich aber festgestellt, dass ich eine Frau bin und das dann ja nicht geht.“ Eine andere Idee schien da deutlich greifbarer: eine eigene T-Shirt-Kollektion. Mode spielte für sie schon früh eine große Rolle. Ihre Urgroßmutter war Mode­designerin und Hutmacherin, bereits als Kind fing Anke Domaske an zu sticken und zu nähen. Inspiriert von dem Land, entwarf sie in Japan ihre ersten ­T-Shirts. Um sie an den Mann zu bringen, fragte sie einfach am Empfang des größten Kaufhauses in Tokio nach der Telefonnummer des Chefs. „Ich hatte da nie Hemmungen.“ Sie bekam die Nummer und wenig später die Chance, ihre T-Shirts dort zu verkaufen.

Auf Robert Kochs Spuren

Schnell entwickelte sich aus der ­T-Shirt- eine komplette Modekollektion und zurück in Deutschland gründete Anke Domaske mit 19 Jah­­ren das Modelabel Mademoiselle Chi Chi. Parallel dazu begann sie ihr Studium: ­Mikrobiologie – ihre zweite große Leidenschaft. „Bakterien und Schimmelpilze: Diesen ganzen Mikrokosmos finde ich unglaublich spannend“, sagt die junge Unternehmerin, für die Robert Koch bereits als Schülerin ein großes Vorbild war. In ­einigen „Jugend forscht“-Projekten begab sie sich auf seine Spuren. Für ihr erstes Projekt nahm sie den Mikrokosmos in Telefonzellen unter die Lupe. Dass diese so dreckig waren, hatte die damalige Schülerin gestört. Ihr Projekttitel: „Wie sauber sind unsere Telefonzellen?“ Das Ergebnis: „ziemlich eklig“. Anke Domaske gewann einen Preis, selbst die ­Telekom meldete sich bei ihr. „Ich wollte immer etwas bewegen“, sagt die 30-Jährige. Auch als ihr Stiefvater an Leukämie erkrankte und sein Immunsystem durch die Behandlung sehr geschwächt war. „Er reagierte auf alles, was mit seiner Haut in Berührung kam, extrem empfindlich“, erzählt sie. Selbst Naturfasern konnte er nicht tragen, weil auch diese ­mittlerweile häufig mit Pestiziden behandelt werden, vermutet Anke Domaske. Sie hatte damals schon ihr Mode­label ­Mademoiselle Chi Chi und wollte etwas für ihren Stiefvater tun. „Ich kannte die verschiedenen Fasern zwar, hatte mich aber nie damit beschäftigt, wie sie produziert werden.“ Sie las sich ein, recherchierte, wollte unbedingt einen Weg finden, um Kleidung aus chemisch unbehandelten Fasern herzustellen.

„Milch ist einfach der geilste Rohstoff der Welt.“

Verfahren aus den 30er-Jahren

Irgendwann stolperte sie schließlich über Fasern, die aus dem Milchprotein Kasein produziert wurden – ein Verfahren aus den 30er-Jahren. „Ich fand das richtig großartig.“ Allerdings entdeckte sie auch einen Haken: Um aus dem Naturprodukt belastbare Fasern zu machen, war viel Energie und eine große Menge Formaldehyd notwendig. Ein Grund, warum die Milchfasern schnell wieder in Vergessenheit geraten waren. „Das muss man doch besser machen können“, dachte sich Anke Domaske. Ihr Ehrgeiz war geweckt. Gemeinsam mit ihrem dreiköpfigen Team überlegte sie, wie sie aus der Milch ein rein natür­liches Produkt gewinnen könnte. Die vier Frauen sprachen Experten und Wissenschaftler an, baten sie, ihre Ideen zu testen. Doch niemand bekam es so hin, wie sie sich das überlegt hatten. „Die hatten alle den alten Prozess im Kopf und konnten sich nicht vorstellen, dass es auch anders funktionieren könnte“, erzählt Anke Domaske. Eines Abends beschlossen die vier, selbst aktiv zu werden. Sie fuhren zum Supermarkt, kauften eine Camping-Herdplatte, einen Küchenmixer, ein Kochthermometer und fingen an zu experimentieren. In der Küche einer Wohngemeinschaft in der Südstadt von Hannover. „Da waren viele, viele Versuche dabei, bei denen sich das Kasein einfach wieder auflöste“, erzählt Anke Domaske. Aber dann gelang sie: die erste wasserfeste Mischung. Noch heute strahlt die 30-Jährige, wenn sie von dem Moment erzählt. „Ab da wussten wir: Es funktioniert doch.“

Die Fasern sind sogar essbar

Auf einer Versuchsanlage im Bremer Faserinstitut tüftelten sie weiter. Glatt und weich wie Seide sind die Fasern, die nun im Werk von QMilch produziert werden. Dazu temperaturregulierend, antibakteriell, antiallergisch und kompostierbar. Sogar essbar sind die Fasern, wie der Moderator Christoph Biemann letztens in der „Sendung mit der Maus“ demonstrierte. Er knabberte an dem Schal, den Anke ­Domaske für ihn gemacht hatte. „Nach nichts“ schmecke und rieche die Faser, sagt Anke Domaske. Die erste Kundin war sie selbst: Sie zeigt einige Kleider von Mademoiselle Chi Chi, schlichte Schnitte aus einem weich fallenden Stoff. In diesem Fall noch eine Mischung aus Milchfasern, Viskose-Jersey und Elastan. „Das liegt daran, dass wir auf der Versuchsanlage nur zwei Kilo in der Stunde produzieren konnten“, erklärt Anke Domaske. Die neue Anlage schafft in der gleichen Zeit 70 Kilo und damit genug Fasern für reine Milchkleider.

Die besonders ökologischen Kleider sind durch die Milchfasern weich und glatt wie Seide. Die erste „milky collection“ wird unter Anke Domaskes Modelabel „Mademoiselle Chi Chi“ vorgestellt. (Foto: Jannes Frubel)

Naturprodukt mit guter Ökobilanz

Und das zudem mit einer guten Ökobilanz, wie die Biologin und Modedesignerin erklärt. Die Fasern werden bei 80 Grad Celsius hergestellt und für ein Kilogramm Fasern sind gerade einmal zwei Liter Wasser nötig. Zum Vergleich: Für die gleiche Menge Baumwolle werden 12.000 Liter Wasser verbraucht. Zudem sei der Rohstoff von QMilch ein Abfallprodukt unserer Wohlstandsgesellschaft. Allein in Deutschland, sagt Domaske, werden zwei Millionen Tonnen Milch im Jahr einfach weggekippt. Am liebsten würde sie all diese Milch einsammeln. Daher gründete sie vor kurzem die Tochterfirma „QMilch Collect“, deren Mitarbeiter die Milch künftig direkt bei den Bauern einsammeln sollen. Seit Anke Domaske 2011 mit ihrer Idee in Hannover den mit 20.000 Euro dotierten Gründerpreis beim Start-up-Impuls-Wettbewerb gewann, rannte sie auch bei der  Finanzie­rung „offene Türen“ ein, wie sie es formuliert. Das Medieninteresse an der Milch zum Anziehen ist riesig, die Kunden stehen Schlange. Mehrere Millionen Euro hat QMilch bereits investiert, Geld von Venture-Kapitalgebern, Banken und stillen Beteiligungen. 25 Mit­­arbeiter beschäftigt das Unternehmen mittlerweile. Bereits jetzt könnte Anke Domaske ihren Betrieb mit allen angemeldeten Patenten gewinnbringend verkaufen. Doch für die 30-Jährige kommt das nicht in Frage. „Das ist mein Lebenswerk.“ Sie hat jeden Schritt begleitet – von der Idee über die Finanzierung bis zum Aufbau der Produktion. Sie will auch die weiteren Schritte nicht verpassen. Die Frage, ob das Unternehmen ihr dabei überhaupt Zeit für ein Privatleben lässt, ist schnell beantwortet. „Nein“, sagt Anke Domaske und lächelt. „Ich lebe für die Firma.“ Es klingt kein bisschen verbittert, im Gegenteil. „Ich mache genau das, was ich machen will“, sagt sie. Dann fügt sie noch hinzu, dass sie immer auf die Unterstützung ihrer Familie und Freunde zählen konnte. „Ohne sie würde das Ganze auch gar nicht funktionieren.“

QMilch nutzt für die Produktion Milch, die nicht mehr als Lebensmittel verwendet werden darf und normalerweise entsorgt wird – etwa weil sie mit Keimen belastet ist. Wenn die Milch sauer wird, bilden sich an der Oberfläche Flocken, die das Protein Kasein enthalten. Diese werden getrocknet und zu Pulver gemahlen. Der Extruder verknetet das Proteinpulver dann mit warmem Wasser und anderen natürlichen Zusatzstoffen zu einem Teig, der durch Lochplatten gepresst wird. Die hauchdünnen Fasern werden auf Spulen gewickelt und zu Fäden für die Textilindustrie versponnen. Oder es entsteht ein dickerer Strang, aus dem Granulat für die Kunststoffindustrie wird.

Viele neue Ideen

Jetzt, wo ihr Produkt auf dem Markt ist und Mademoiselle Chi Chi die erste „milky collection“ vorstellt, könnte Anke Domaske sich eigentlich etwas zurücklehnen. Doch die 30-Jährige hat bereits viele neue Ideen, die darauf warten, umgesetzt zu werden. Fast 2.000 „Rezepte“ gibt es mittlerweile für die Milchfasern. In ihrem heiß geliebten Extruder testet Anke Domaske ständig neue Mischungen, experimentiert mit verschiedenen Faserformen, die mehr Stabilität oder mehr Glanz versprechen. „Das macht richtig Spaß.“ Schon jetzt werden in Hannover aus dem Kasein nicht nur Fasern, sondern auch Granulat hergestellt, das an die Kunststoffindustrie geht. Anke Domaske schwebt da etwa Kinderspielzeug aus dem Milch-Granulat vor. „Das könnten die Kinder problemlos in den Mund schieben.“ Auch Kosmetik aus Milch kann sie sich vorstellen, genauso wie Bettwäsche, Bezüge für Autositze, Teebeutel, Kompressionsstrümpfe, Implantate oder Teppiche. „Milch ist einfach der geilste Rohstoff der Welt.“ Und er hat es ihr ermöglicht, ihre großen Leidenschaften zusammenzubringen. „Ich habe immer beides parallel gemacht: Mode und Mikrobiologie. Ich hatte aber immer im Hinterkopf, dass ich mich später mal für eines entscheiden muss.“ Jetzt macht sie einfach beides.

Sarah Weik

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