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Sport

„Mich interessieren die Geschichten hinter dem Erfolg“

ARD-Sportmoderatorin Julia Scharf im Interview

„Mich interessieren die Geschichten hinter dem Erfolg“

ARD-Sportmoderatorin Julia Scharf im Interview

Über allzu geschliffene Interviewantworten, die bisher schönsten Momente ihrer Karriere – und ihre mittlerweile getrübte Vorfreude auf Großereignisse wie die anstehende FIFA WM.

Als der deutsche Skirennläufer Thomas Dreßen das bekannte Hahnenkamm-Rennen gewann, rissen Sie hinter ihm die Arme hoch. Gab es weitere Momente in Ihrer bisherigen Karriere, die ähnlich emotional waren?
Das Rennen in Kitzbühel war ein absolutes Highlight – ich bin Wintersportfan, seitdem ich ein kleines Kind bin. Es gab seit 39 Jahren keinen deutschen Sieg mehr beim spektakulärsten Skirennen der Welt. Für mich war es ein Traum, dort dabei zu sein, vor allem, weil Thomas Dreßen ein so sympathischer, bodenständiger Typ ist. Er kam sofort zum Interview – all das hat man bei anderen Sportereignissen selten. Da ist alles viel reglementierter. Selbst wenn es ein überraschendes Ergebnis gibt, bekommt man die Sportler selten direkt zum Interview. Emotional war aber auch der Olympiasieg in Sotschi der deutschen Skispringer, bei dem ich hautnah dabei war. Oder das EM-Turnier der U-21-Fußballer 2017, bei dem ich die Spiele moderieren durfte.
Welches war der schönste sportliche Sieg, den Sie erlebt haben?
Da gehört der Sieg von Thomas Dreßen auf jeden Fall dazu, weil er so überraschend war. Bei einem Fußballspiel gibt es ja immer eine „50:50“-Chance, aber die Chance in Kitzbühel war viel geringer. Auch der Olympiasieg von Carina Vogt beim Skispringen in Sotschi war toll, weil es das erste Mal in der Geschichte war, dass es eine weibliche Olympiasiegerin im Skispringen gab. Das ist Sportgeschichte. Aber natürlich war auch der WM-Titel unserer Fußball-Nationalmannschaft 2014 sehr emotional. Ich war zwar nicht in Brasilien vor Ort, aber wir haben damals den WM-Club mit Alexander Bommes und Arnd Zeigler aus Berlin gesendet. Das Finale haben wir dann mit Pierre Littbarski und Thomas Berthold gesehen, die danach unsere Gäste waren. Ein WM-Finale mit ehemaligen Weltmeistern zu sehen, in dem Deutschland gewinnt, ist schon auch was Besonderes.
Und die schlimmste Niederlage?
Das war sicher beim Spiel der deutschen Basketball-Nationalmannschaft bei der EM 2015 in Berlin – das letzte Gruppenspiel gegen Spanien verlor das Team von Trainer Chris Fleming nur mit einem Punkt, und damit war damals so gut wie klar, dass das der Abschied von Dirk Nowitzki in der Nationalmannschaft sein wird. Er wurde minutenlang in der Halle in Berlin gefeiert. Schade, dass es das Team nicht über die Vorrunde hinaus geschafft hat.
Erinnern Sie sich an Interviewpartner, die Sie besonders überrascht haben?
Dass ich beim Basketballspiel, das ich eben erwähnt habe, auch Kevin Durant – Superstar und mein Lieblingsspieler in der NBA – interviewen konnte, war schon eine Überraschung an sich. Ansonsten würde ich mir wünschen, dass mich vor allem Fußballer mal öfter überraschen. Das ist oft zu geschliffen, was in Interviews kommt – ganz egal, welche Frage man stellt. Aber zum Beispiel Mats Hummels antwortet nie mit Autopilot. Da hat man das Gefühl, dass ein Gespräch entsteht. Und Thomas Dreßen hat mich auch schon vor seinem Kitzbühel-Sieg mit seiner offenen, frechen und sympathischen Art begeistert.
Oft stehen die Erfolge im Fokus, hier bei einem Titelgewinn von Brose Bamberg im Basketball. Julia Scharf berichtet aber auch über andere Seiten des Sports.
Welches Interview oder welche Sendung aus Ihrer Erinnerung ist völlig schiefgegangen?
Eine Sendung mit einem ehemaligen und arrivierten Fußballtrainer, mit dem wir einige Themen abseits des Platzes besprechen wollten, ging mal völlig in die falsche Richtung. Der Gast fühlte sich von den Einspielern, die wir gezeigt haben, angegriffen und ging nur auf Konfrontation. Das wäre ja manchmal ganz spannend, aber er verstrickte sich ständig in Widersprüche.
Was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt?
Nie das Bild annehmen und glauben, was in der Öffentlichkeit von einer Person gezeichnet wird – sich immer ein eigenes Bild machen.
Wie bereiten Sie sich auf Ihre Sendungen vor? Wie viel Zeit haben Sie dafür?
Das kommt ganz auf die Sendung an. Vorbereitungen für Sendungen wie den Sportschau-Club nach dem DFB-Pokalfinale beginnen Wochen vorher mit der Gästewahl und der Themenfindung. Beim Skiweltcup bereite ich mich permanent während der ganzen Saison vor beziehungsweise verfolge alle Rennen. Vor Ort spricht man dann mit den Sportlern und Trainern. Wenn ich eine Sonntags-Sportschau moderiere, haben wir am Montag vorher die ersten Konferenzen und danach sind es jeden Tag ein paar Stunden Recherche.
Fußballprofis antworten oft geschliffen und konform, wie Sie selbst auch vorhin sagten. Gibt es ein Vorgespräch, bevor die Kamera läuft? Wie werden die Spieler von ihren Vereinen gebrieft?
Bei kurzen Interviews am Spielfeldrand gibt es kein Vorgespräch. Die Vereine führen oft schon mit jungen Spielern Medientrainings durch. Das ist auch durchaus okay, um die jungen Sportler darauf vorzubereiten, was auf sie zukommt. Inhalte zu diktieren ist da eher nicht hilfreich.
Wie versuchen Sie, Ihre Interviewpartner aus der Reserve zu locken?
Ich versuche manchmal, Standardantworten in der Frage schon vorwegzunehmen, um zu zeigen, dass man sich damit nicht zufriedengibt. Eine genaue Recherche vorher, wo die Lieblingsthemen oder Reizthemen liegen, ist auch hilfreich.

„Als Journalist und vor allem im Fernsehen hast du nirgendwo so tolle, echte und ungefilterte Emotionen wie im Sport.“

Sie unterrichten auch Studenten in Moderation und Interview. Was ist Ihnen wichtig dabei? Was geben Sie dem Nachwuchs mit auf den Weg?
Da sind viele Studenten dabei, die gar nicht zum Fernsehen oder in den Journalismus wollen, sondern eher ins Sportmanagement. Aber auch für diese Studenten ist es extrem hilfreich, einige Übungen vor der Kamera zu machen. Auch wenn man ein Unternehmen, ein Produkt oder einen Verband repräsentiert, muss man den Medien oft Rede und Antwort stehen. Wir machen verschiedene Übungen, sodass sich danach die meisten in solchen Situationen wohlfühlen und sich auf den Inhalt konzentrieren können – nicht auf das Drumherum. Auch Talkshow-Runden simulieren wir. Das macht oft großen Spaß. Mir ist es wichtig, dass jeder seinen eigenen Weg findet, mit den Situationen vor der Kamera umzugehen. Dabei läuft es eigentlich wie im Sport – je öfter man es übt, umso lockerer wird man.
Wir haben als Zuschauer am Bildschirm den Eindruck, dass Sie und andere Sportmoderatorinnen recht groß sind und auch einem Mats Hummels auf Augenhöhe begegnen. Stimmt das?
Ich bin 1,80 Meter groß. Spieler wie Mats Hummels sind da schon noch größer. Die Skifahrer haben allerdings oft noch ihre Skischuhe an, sodass sie leicht in die Knie gehen müssen – die sehen dann manchmal kleiner aus, als sie sind.
Julia Scharf moderiert nicht nur Sportsendungen, sondern ist auch selbst gern und vielseitig in Bewegung – im Winter am liebsten auf Brettern.
Wie halten Sie sich selbst fit?
Im Winter mache ich gerne alles auf Brettern: Skifahren, Snowboarden, Langlaufen. Auch Skitouren will ich in Zukunft öfter machen. Im Sommer gehe ich gerne auf den Golfplatz, aufs Mountainbike oder aufs Surfbrett oder zum Stand-up-Paddling.
Sie haben bereits über Turnen, Basketball, Fußball, Ski alpin oder Motorsport berichtet. Was fasziniert Sie so am Sport oder an bestimmten Sportarten?
Für mich hat Sport schon immer eine große Rolle gespielt. Mein Vater war Leichtathlet und meine Mutter Turnerin. Wir haben fast alles an Sport im Fernsehen verfolgt. Ich selbst habe jahrelang Leistungssport gemacht und als Trainerin gearbeitet – im Voltigieren. Eine relativ unbekannte Sportart. Zumindest ist es vielen nicht als Leistungssport bekannt, aber ich wurde im Jahr 2000 mit meiner Mannschaft sogar Weltmeister. Das Training ist unglaublich vielseitig – was Kraft und Koordination angeht, unterscheidet es sich im Spitzensport kaum vom Training der Skifahrer. Ich habe dann Sportwissenschaften studiert. Am liebsten wäre ich Trainerin geworden, aber in meiner Sportart kann man das nicht als Beruf ausüben, mit dem man seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Am Sport interessieren mich die verschiedenen Athleten und ihre Geschichten hinter dem Erfolg, aber auch hinter Niederlagen. Als Journalist und vor allem im Fernsehen hast du nirgendwo so tolle, echte und ungefilterte Emotionen wie im Sport.
Sie haben aber auch Sendungen über die Schattenseiten des Sports wie zum Beispiel Korruption moderiert. Trüben die Skandale und Enthüllungen Ihre Freude auf Sportereignisse wie die FIFA WM 2018?
Die Frage muss ich leider mit Ja beantworten. Die Skandale, die es rund um die FIFA und auch das IOC gab, trüben die reine Freude über die sportlichen Leistungen mittlerweile. Aber wie die Sportler auch, versuche ich, das zu trennen. Allerdings ist es unsere Pflicht, gerade bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, auch über Dinge wie staatlich angeordnetes Doping oder Bestechungsskandale zu berichten. Man muss das tun, um noch eine Chance zu haben, Großereignisse wie die Olympischen Spiele und Fußball-Weltmeisterschaften zu retten. Sonst wenden sich die Fans irgendwann ab. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass der Sport auch bei diesen Veranstaltungen irgendwann wieder die Hauptrolle spielt.
Wie schätzen Sie die deutsche Mannschaft mit Blick auf die FIFA WM ein? Wer wird Weltmeister?
Deutschland hat eine gute Chance, den Titel zu verteidigen. Das ist aber sicher kein Selbstläufer. Die Franzosen schätze ich aktuell noch sehr stark ein.
  • Die diplomierte Sportwissenschaftlerin moderiert die ARD-Sportschau am Sonntag, den Sportschau-Club sowie viele Liveübertragungen im Fußball und Wintersport. Sie studierte in München und begann ihre Karriere beim Sender SPORT1 und dem Bundesliga-Sender „Liga total!“. Seit 2011 ist sie für die ARD, den SWR und das BR-Fernsehen im Einsatz.
  • Bei der FIFA WM 2018 wird die 37-Jährige für die ARD in Russland in den Stadien moderieren.
  • Neben ihrer Tätigkeit als Sportjournalistin ist sie Dozentin an der Munich Business School. Dort unterrichtet sie Sportjournalismus und ist Coach für Kamera und Medientraining.
  • Als Coach hat sie sich aber auch auf die Vereinbarkeit von Karriere und Familie spezialisiert.
  • Die Münchnerin setzt sich sehr für benachteiligte Kinder und Sport ein. So hat sie gemeinsam mit dem SOS-Kinderdorf eine Kinder-Olympiade ins Leben gerufen, die Kindern den Spaß an der Bewegung, dem Sport und dem spielerischen Wettkampf vermitteln soll.
Samuel Heller

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