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Maßschuhe für Top-Spieler

Top-Schuhe für Weltklasse-Spieler

Maßschuhe für Top-Spieler

Top-Schuhe für Weltklasse-Spieler

Ob Nationaltorwart Manuel Neuer für den FC Bayern Bälle hält, Weltfußballer Lionel Messi in Barcelona den Rasen betritt oder Starspieler David Beckham in Los Angeles Pässe schlägt – ihre Schuhe kommen aus einem kleinen Ort irgendwo in Franken.

Das wichtigste Arbeitsmittel vieler der besten Spieler in Bundesliga, englischer Premier League oder spanischer Primera Division stammt aus Scheinfeld. Der Ort mit knapp 5.000 Einwohnern nennt sich auf seiner Internetseite „Tor zum Steigerwald“ und verweist unter „Handel und Gewerbe“ als Erstes auf das „Global Technology Center der Firma adidas“. Wer dorthin will, fährt in Scheinfeld, 40 Kilometer von der Zentrale des Weltkonzerns in Herzogenaurach entfernt, an Mosterei,­ Edeka und Goldenem Posthorn vorbei und folgt einem schmalen Sträßchen.

Drei Streifen überall

Links der Straße beschauliche Einfamilienhäuser. Wer hier in den gepflegten Gärten sitzt, sieht auf der anderen Straßenseite durch die Fenster der weltweit einzigen eigenen Schuhproduktion von adidas – alle anderen Schuhe der Weltmarke, einst von Schuhmachersohn Adi Dassler begründet, entstehen in Lizenzwerken, überwiegend in Asien. Schwarze Fußballschuhe ruckeln auf Fließbändern entlang, die weißen Streifen darauf strahlen bis auf die Straße. Aller guten Dinge sind hier drei Streifen: auf dem Pulli des Mannes an der Pforte, dreigestreift die Kleidung der Beschäftigten in der Produktionshalle, mit drei weißen Streifen auch das Polo-Shirt von Erika Wittmann. Sie ist die Herrin über die Schuhe von Messi & Co.

Sie gehören zu den exklusivsten von Millionen adidas-Schuhen: individuelle Sonderanfertigungen für Fußballstars – aus der einzigen eigenen Schuhproduktion des Global Players, der allein vergangenes Jahr 245 Millionen Paar Schuhe herstellen ließ. (Foto: Martin Rehm)

Top-Service für Top-Player

Beckhams Freizeitschuhe mag seine Spielerfrau Victoria aussuchen, für seine Arbeitsschuhe ist die resolute Fränkin mit Kurzhaarschnitt zuständig. „Team Leader Production“ steht auf ihrer Visitenkarte, ihr Bereich nennt sich im englischsprachigen Unternehmen Made to Measure (dt.: Maßarbeit oder Maßkonfektion), die Kundschaft „Top-Player“.­ „Die Spieler halt“, winkt Erika Wittmann mit fränkischer Bodenständigkeit ab. Englisch ist nicht ihre Welt, adidas umso mehr. Vor 35 Jahren hat sie ungelernt am Stammsitz in Herzogenaurach angefangen, seit 25 Jahren arbeitet sie in Scheinfeld – „immer in der Produktion“, fügt sie stolz hinzu. Überhaupt spricht Erika Wittmann mit Begeisterung von ihrer Arbeit. Zwischen Regalwägen mit Schildern „m2m“ wuselt sie umher, erklärt Schuhteile und Arbeitsschritte und ruft im Vorbeilaufen einer Mitarbeiterin zu: „Such mal ein paar Bayernspieler raus.“

Einlaufen? Überflüssig!

In Schuhschachteln, wie man sie in jedem Sportgeschäft sieht, liegen dann Schuhe, die man in keinem dieser Läden kaufen kann: exklusive Einzelanfertigungen für Arjen Robben, Holger Badstuber oder Toni Kroos, alle so passend auf den Fuß geschustert, dass die Spieler sie nicht einlaufen müssen, sondern sofort für Spiele anziehen können. Das funktioniert nur, weil die adidas-Mitarbeiter von jedem „Top-Player“ anfangs die Füße vermessen. Dazu fliegen sie zu den Vereinen, mancher Spitzenkicker kommt aber auch eigens im Herzogenauracher Headquarter vorbei, um die Füße vorzuzeigen.

Nach Wunsch bestickt

Die Fußballer treten dann in Schaumkissen, Papierabdrücke (Blauabdrücke) werden gemacht, an Ballen, Spann und Ferse Maße genommen, bei Bedarf Problemzonen fotografiert oder aufgezeichnet. Daraus entstehen individuelle Leisten, die nur für den jeweiligen Spieler verwendet werden. Viertelgrößen werden genauso hergestellt wie Paare mit Schuhen in unterschiedlichen Größen für rechts und links. Soll es im Sommer etwas größer sein als im Winter? Kein Problem. Richtig persönlich wird es aber erst in der sogenannten Veredelung: Dort werden je nach Wünschen Spieler-, Frauen- und Kindernamen, Bibelverse, Nationalflaggen oder bei einmaliger Verwendung die Spieldaten aufgenäht.

"Jeder Spieler hat besondere Wünsche."

Papa Beckham lässt unter anderem die Namen seiner Kinder auf seine Fußballschuhe sticken. Mit solchen Wünschen steht er nicht allein. (Foto: Martin Rehm)

Beckhams Spezialschuh

Ein Paar des Modells „adipower Predator“, auf dessen Laufzettel nüchtern „Beckham, David“ steht, trägt beispielsweise­ an der Ferse die Initialen „DB“ und „V“ (für seine Frau Victoria), an der Seite die Namen der Kinder Brooklyn Joseph, Romeo James, Cruz David und Harper Seven, am linken Schuh die US-amerikanische und rechts die englische Flagge. „Beckham ist keine Ausnahme. Jeder Spieler hat besondere Wünsche“, berichtet Erika Wittmann. Wundern tut sie da nichts, Lieblingsspieler hat sie auch keine. „Bei mir sind sowieso alle gleich“, sagt sie mit professioneller Distanz. Interessiert sie sich überhaupt für die Sportart? „Bundesliga weniger, aber EM und WM schon.“

Fertigung noch am Bestelltag

Vor der anstehenden Europameisterschaft herrscht wieder Hochbetrieb in der Abteilung Made to Measure, wo ausschließlich auftragsbezogen gearbeitet wird. Der Termindruck kann auch ohne Turniere hoch sein: Hat Erika Wittmann morgens die Bestellung eines neuen Paars auf dem Anrufbeantworter, wird es noch am selben Tag fertiggestellt. Der Bedarf eines Spielers kann sehr schwanken: Manchmal werden monatelang keine neuen Schuhe gebraucht, dann plötzlich 20 Paar, andere wollen alle 14 Tage neue. Darüber hinaus bekommen alle Top-Player neue Schuhe, wenn es einen „colour relaunch“ gibt, das heißt, wenn eine neue Kollektion in anderen Farben auf den Markt kommt. Die Spieler tragen dann die neuen Schuhe, noch bevor sie in den Läden erhältlich sind.

Viel Handarbeit

In der Regel werden in der Produktion von Made to Measure 35 bis 50 Paar pro Tag gefertigt. Zum Vergleich: adidas ließ im vergangenen Jahr 245 Millionen Paar Schuhe produzieren. In Scheinfeld waren es 600.000, die meisten davon aus der automatisierten Massenproduktion neben Made to Measure in derselben Halle. Dort entstehen die Modelle­ Copa Mundial, Kaiser Liga und World Cup, also Klassiker, die der Konzern „Originals“ nennt. Drehen sich hier Roboterarme an Fließbändern, sitzen im Made to Measure Stepperinnen aus Fleisch und Blut an Nähmaschinen. An hohen Tischen stehen Mitarbeiter und schneiden Teile­ aus verschiedenfarbigem Leder aus. „Hier gibt es viel Handarbeit“, sagt Erika Wittmann.

Leichte Materialien

Die Stepperinnen nähen die Schäfte aus den Lederteilen zusammen. Dabei sind sie nicht nur für einzelne Nähte zuständig, sondern für den kompletten Schaft verantwortlich. In der Halle riecht es nach Klebstoff und Leder, Hämmern und Schleifen ist zu hören. Hier verbindet sich traditionelles Handwerk mit modernstem Material. Das wird schon spürbar, bevor man einen solchen Schuh überhaupt anzieht: Er liegt federleicht in der Hand. „Die Schuhe werden immer leichter“, bestätigt Erika Wittmann.

Wachsende Belegschaft

Von insgesamt 150 Angestellten am Standort arbeiten 80 in der Schuhproduktion, zwei Lehrlinge werden pro Jahr zu Schuhfertigern ausgebildet. „Seit 2006 ist die Belegschaft jedes Jahr gewachsen“, sagt Josef Mayr, Head of Shoe Production Scheinfeld. „adidas hat immer mehr Spieler unter Vertrag, der Bedarf an Made to Measure ist ständig gestiegen.“ Der Fokus liege daher auf der Schuhmacherei und individuellen Schuhfertigung. Für seine prominenten Schuh- und Werbeträger, denen Millionen an den Bildschirmen beim Kicken zusehen, erfüllt adidas so ziemlich jeden Wunsch.

Signiert von Messi

„Für die Sportler nur das Beste. Das ist nach wie vor das Motto“, ist Erika Wittmann überzeugt. Aus der Scheinfelder Schuhmanufaktur kommen nicht nur Schuhe für Fußballspieler, sondern auch für Spitzensportler und Stars aus anderen Bereichen. In einer Ecke ist eine Art kleine Hall of Fame aufgebaut. Ein Trikot von Bundesligastar Hasan Salihamidzic mit der Handaufschrift „Danke für alles“. Ein Foto von Steffi Graf mit zwei Mitarbeitern aus Scheinfeld. Der Optik nach getragene Schuhe von Gewichtheber Matthias Steiner, der 2008 in Peking Olympiagold gewann und „Bejing 08″ neben sein Autogramm auf die Schuhe schrieb. Dem Geruch nach nicht getragene, sehr viel schmalere Fußballschuhe mit dem Autogramm von Lionel Messi, offiziell bester Fußballspieler der vergangenen drei Jahre. Ein Foto von blauen Stiefeln für Madonna, die für die von ihr gewünschte Einzelanfertigung zusätzlich zu den üblichen Maßen nach ihrem Wadenumfang gefragt werden musste.

Geheimsache Problemzonen

Wer welche Größe oder Problemzonen hat, verrät Erika Wittmann nicht. Nur so viel: „Fußballspieler wollen es hauteng. Richtig reingeschnallt.“ Was so ein Paar Schuhe kostet, wisse sie gar nicht. Die Spieler wüssten den Service jedenfalls zu schätzen. Durch die Reaktionen aus der großen Welt des Fußballs sieht Erika Wittmann die Arbeit im kleinen Scheinfeld bestätigt. Und wer sich nach einem Einblick in die Schuhmanufaktur wieder auf den Weg macht, an Friedhof und Goldenem Posthorn vorbei, sieht das Firmengebäude mit anderen Augen – genau wie die Schuhe der Spieler beim nächsten Fußball-Fernsehabend.

adidas nutzt ein Web-to-Print-System von IRS und Geneon für die Produktion von Katalogen auf 16 Märkten weltweit. In einer adidas-individuellen Datenbank können Produkte ausgewählt und für den jeweiligen Markt angepasst werden. Die Printseiten werden anschließend mit GeNERA automatisiert generiert und in den Ländern gedruckt, darüber hinaus entstehen auch Blätterkataloge für PC und mobile Medien auf Knopfdruck. Das System leistet jährlich vier Produktionen von über 45.000 Seiten in bis zu elf Sprachen. Eine Erweiterung auf Reebok, einer Marke der adidas-Gruppe, und Japan ist in Planung.

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