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Interview

Machen. Einfach machen.

Unternehmerin Sina Trinkwalder über sinnvolle Arbeit, sinnlose Bewerbungsgespräche und wahren Reichtum

Machen. Einfach machen.

Unternehmerin Sina Trinkwalder über sinnvolle Arbeit, sinnlose Bewerbungsgespräche und wahren Reichtum

Sina Trinkwalder war erfolgreiche Werberin. Dann stieg sie aus und steckte das verdiente Geld in eine Näherei, um benachteiligten Frauen Arbeit zu geben. Heute produzieren ihre 150 „Ladys“ Taschen und Mode – sozial, regional und ökologisch.

Sina Trinkwalder lacht viel, laut und ansteckend. Mit ihrer Unternehmensidee ist es ihr aber sehr ernst, und so erklärt sie diese dann auch im Interview. (Foto: Julien Fertl)
Wie haben Sie es anfangs geschafft, Kunden zu gewinnen? Einen riesigen Werbeetat hatten Sie wohl nicht.
Ich habe gar keinen Werbeetat. Ich bin die Werbung, quasi. Da die Idee an sich besonders ist, sind viele Medien auf uns aufmerksam geworden. Dazu kamen viele Auszeichnungen und Preise, die uns nach vorne getragen haben. Und das Schöne ist: Wenn wir einen Kunden für uns gewinnen, bleibt der auch.
Haben Sie denn Kunden aus Ihrer früheren Tätigkeit als Werberin mitgenommen?
Nein. Im Gegenteil, manche meiner vorhergehenden Kunden fühlten sich ganz schön auf den Schlips getreten, nach dem Motto: „Die tingelt durch Deutschland und sagt, sie macht jetzt was Gescheites.“ Das war vielleicht nicht nett von mir, aber halt die Wahrheit. Die Wahrheit ist nicht immer nett (lacht). Wir haben übersättigte Märkte, und wenn ich geplante Obsoleszenz schönkommunizieren muss, hört es bei mir auf.
War das Ihre Motivation, ein neues Abenteuer zu starten?
(lacht) „Abenteuer“, süß! Ich habe irgendwann gemerkt, dass meine Arbeit keinen Sinn für die Gesellschaft hat. Im Gegenteil, du schürst Konsum an, obwohl du weißt, das braucht es gar nicht. Das ist wie mit einer Nylon-Strumpfhose, bei der die Stabilisatoren rausgelassen werden, damit sie schneller kaputtgeht. Wir wollen immer mehr, aber wir brauchen es eigentlich besser. Von besser haben wir mehr. Aber das kriegst du in der konventionellen Wirtschaft nicht durch, du musst es selbst machen.
  • Nach Abbruch ihres Studiums (Politik und Betriebswirtschaft) gründete Sina Trinkwalder, Jahrgang 1978, im Alter von 21 Jahren zusammen mit ihrem Mann eine Werbeagentur.
  • Nach Erlebnissen mit einem Obdachlosen, der sich aus weggeworfenen Hochglanzmagazinen Weihnachtsschmuck bastelte und einer seit Jahren arbeitslosen Näherin, stieg sie aus der Werbeagentur aus.
  • Grundgedanke ihrer neuen Unternehmensgründung und „Lebensaufgabe“ Manomama war kein Produkt, sondern das Ziel, Menschen Arbeit zu geben.
  • Die inzwischen 150 Beschäftigten sind überwiegend Frauen mit Migrationshintergrund, Handicap oder schlechter Ausbildung, die kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatten. Sie erhalten einen Stundenlohn von mindestens 10 Euro. Sina Trinkwalder bekam keine Fördergelder, das Unternehmen ist nach wie vor zu 100 Prozent Eigenkapital-finanziert.
  • Erster Auftrag von Manomama waren Stofftaschen für eine Drogeriemarkt-Kette.
  • Inzwischen nähen die „Ladys“ am einst wichtigen Textilstandort Augsburg auch Mode wie Jeans, Kleider und T-Shirts – „vom Garn bis zur Naht hergestellt in Deutschland“. Die zertifizierte Biobaumwolle stammt überwiegend aus der Türkei, ein anderer Teil aus Tansania.
  • Die Kleidung ist im eigenen Onlineshop erhältlich, einen Laden gibt es bisher nur in Augsburg.

Weitere Informationen manomama.de

Mit Ihrem Unternehmen Manomama geht es Ihnen aber nicht nur um nachhaltigen Konsum, sondern vor allem um die Menschen, die bei Ihnen arbeiten.
Ja. Wer hat denn gesagt, dass ein Unternehmen nur erfolgreich sein kann, wenn es möglichst viel Geld macht? Für mich ist ein Unternehmen erfolgreich, wenn möglichst viele Menschen partizipieren können. Weil ich die unternehmerische Aufgabe in der Gesellschaft verwurzelt sehe.
Gibt es auch das egoistische Motiv, dass Ihnen Ihre Arbeit Erfüllung bringt?
Ja, aber wenn es nur das gewesen wäre, hätte ich vielleicht etwas anderes gemacht. Als ich beschlossen hatte, etwas für mich Sinnvolles zu machen, sprach ich während einer Zugfahrt mit einem älteren Herrn, der mir sagte: „Es interessiert nicht, ob deine Arbeit deinem Leben mehr Sinn gibt – wichtig ist, dass sie relevant für die Gesellschaft ist.“ Sorry, 80 Prozent meiner Arbeit machen nicht viel Spaß. Aber ich helfe anderen. Und ich habe die Energie dazu. All denjenigen, die keinen Job haben, müssen wir Arbeit verschaffen.
Sie können aber nicht allen Arbeit geben. Wie treffen Sie Ihre Auswahl?
Gar nicht, das geht nach dem Posteingangsstempel.
Sie führen kein Vorstellungs­gespräch?
Mich interessiert nicht, was der Mensch bis dato gemacht hat, mich interessiert, was wir mit dem Menschen in der Zukunft machen können.
Mit einem Großauftrag für Einkaufstaschen fing alles an. Bis heute verlassen diese stapelweise die Produktionshalle. (Foto: Julien Fertl)
Sie müssen doch wissen, ob jemand dazu passt?
Das finde ich im Bewerbungs­gespräch aber nicht heraus. Es bringt nichts, ein Bewerbungsgespräch mit jemandem zu führen, der große Angst hat, schon in diesem Gespräch zu versagen. Wie motiviert jemand ist, merken wir nach zwei Monaten, bei manchen merkt man es erst nach der Probezeit. Und eines muss man klar sagen: Rund zehn Prozent haben keinen Bock. Das ist aber überall so, in allen Unternehmen. Und die halten wir aus, bei Manomama und als Gesellschaft. Bei uns gibt es dafür 20 Prozent, die sich über die Maßen engagieren.
Ihre inzwischen 150 Beschäftigten stammen aus 25 Nationen. Sie sagten kürzlich, das sei kein „easy-going“. Wie lösen Sie das?
Meine Mädels wissen: Der Arbeitsplatz bei uns ist ihre Chance. Alle müssen verstehen: Wenn wir es nicht als Gemeinschaft hinbekommen, dann haben wir alle verloren. Die Frauen haben viele Freiheiten und organisieren sich selbst. Die zwischenmenschliche Geschichte ist eine andere. Da kann es passieren, dass sich zwei Mädels angiften. Dann stellst du die an die frische Luft und sagst: „Schreit euch da draußen aus und kommt erst rein, wenn ihr wieder normal seid.“
Und die Sprache?
Wir haben bestimmte Regeln, beispielsweise: Alle sprechen hier deutsch. Und die es nicht können, lernen es hier. Ein neuer Mitarbeiter zum Beispiel hatte vorher 37 Jahre in der Textilindustrie gearbeitet, sich mit den ebenfalls türkischsprachigen Kollegen in der Nachtschicht aber türkisch unterhalten – wie sonst? Mit Deutschen hatten sie keinen Kontakt, weil sie immer nachts arbeiten mussten. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir die Leute isolieren und uns dann wundern, dass sie isoliert sind. Was wir bei Manomama im Kleinen machen, müssten wir in Deutschland auch im Großen machen. Aber das kostet Kraft.
Was meinen Sie konkret?
Ich würde die Flüchtlinge nicht in diese Dörfer schicken, wo die Deutschen wegziehen. Das ist eine Gettoisierung. Ich würde sie nur in die Großstädte, in Gegenden mit starker Struktur bringen. Die junge Generation ist eh chillig im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. Mein Sohn war in einer Grundschule mit 17 Nationalitäten. Für den ist das überhaupt kein Thema. Wenn wir für die Geburtstagsfeier einkaufen, sagt er, wir brauchen auch Putenwienerle, weil drei Moslems dabei sind.

Sina Trinkwalder hat zwei Bücher geschrieben:

  • In „Wunder muss man selber machen“ erzählt sie die Geschichte von Manomama.
  • Kürzlich ist zudem das Buch „Fairarscht“ erschienen, in dem sie die Wirksamkeit von Siegeln für ökologisch hergestellte oder fair gehandelte Waren hinterfragt.

Die Bücher sind beim Verlag Droemer erschienen.

In den Hallen von Manomama riecht man – nichts, denn sonst übliche Chemikalien bleiben außen vor. (Foto: Julien Fertl)

Ich habe immer schon diese Energie gehabt.

Aber Sie sagten eben auch: Inte­gration kostet Kraft.
Es kostet unheimlich Kraft. Ich kann Ihnen ein schönes Beispiel geben: Letztes Jahr am Karfreitag in der Früh um halb acht steht die Polizei vor der Tür: „Kommen Sie bitte mit.“ Ich habe im ersten Moment gedacht, meine Näherei brennt. Dann fahren wir hin, und bestimmt 30 meiner Ladys sitzen da und nähen. Der Polizist fragte mich, ob ich das angeordnet habe. Ich antwortete: „Schau ich so aus?“ Der Polizist: „Nein, Sie schauen so aus, als wüssten Sie das nicht.“ Die Ladys sagten mir: „Ihr Deutschen habt ja Feiertag, aber wir nicht, da haben wir halt gearbeitet.“ Am Karfreitag! In Bayern! Seither haben Sie keinen Schlüssel mehr … (lacht)
Und wo nehmen Sie die Kraft her?
Ich weiß es wirklich nicht. Ich schlafe vielleicht drei oder vier Stunden. Ich habe immer schon diese Energie gehabt. Und das ist ja genau der Punkt: Wenn du merkst, dass du mehr Energie hast als du für dich selbst brauchst, dann kannst du denen Energie abgeben, die zu wenig haben, aus welchen Gründen auch immer.
Sie schreiben in Ihrem Buch „Wunder muss man selber machen“, dass Sie viele Menschen, die vorher kein Selbstwertgefühl hatten, „wachsen“ sehen.
Das ist mein Reichtum. Das ist meine Rendite. Diese Menschen waren nicht immer selber schuld an ihrer Lage. Manchmal denke ich mir schon, wenn es da oben einen gibt, hat er manchmal kein glückliches Händchen. Denn auf der anderen Seite gibt es Menschen, die haben immer Glück, werden reich geboren, langweilen sich.
War der Erfolg von Manomama eher die Folge guter Planung oder eher Glück?
Soll ich Ihnen was verraten? Es gab gar keinen Plan. Wann läuft jemals etwas nach Plan? Es ist einfach ein Haufen Arbeit. Ein A… voll Arbeit – und viel Wein, wenn mal was schiefgelaufen ist.
Sie haben in Ihrem jugendlichen Elan aber auch ältere Menschen gefunden, die ihre Erfahrungen an Sie als Quereinsteigerin weitergegeben haben.
Ja, dazu braucht man vielleicht Glück – oder aber die Aufmerksamkeit, diese Menschen auch wahrzunehmen. Das können Menschen sein, die große Erfahrung haben, aber auch Menschen, die die Dinge einfach anders sehen. Ich bin unendlich wissbegierig und habe Dinge gelernt, die weiß heute kein Weber mehr.
Dabei haben Sie vermutlich den Anspruch, das Beste zu machen?
Ich bin keine Perfektionistin. Perfekt und Plan – no way. Sondern machen. Einfach machen. Ich habe früher viel international gearbeitet. Asiaten reden viel, bevor sie irgendwas entscheiden. Amerikaner machen gleich und fallen dafür ein paarmal auf die Schnauze. Beide sind zum gleichen Zeitpunkt fertig. Ich bin eher amerikanisch.
Die Fragen stellten Rainer Möller und Samuel Heller aus der Redaktion des willmy magazins

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