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World Wide Web

Lizenz zum Weltverändern

Vor 25 Jahren gaben die Wissenschaftler des CERN das World Wide Web für alle frei. Die Revolution, die sie damit lostraten, pflügt bis heute unser Leben um – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Lizenz zum Weltverändern

Vor 25 Jahren gaben die Wissenschaftler des CERN das World Wide Web für alle frei. Die Revolution, die sie damit lostraten, pflügt bis heute unser Leben um – und ein Ende ist nicht in Sicht.

„Zehn Jahre sind im Netz eine Ewigkeit. Schon fünf Jahre lassen sich unmöglich vorhersagen.“

Orte, an denen etwas Umwälzendes erfunden wurde, sind meistens ganz unscheinbar. Im Falle des World Wide Web liegt dieser Ort an einer vierspurigen Ausfallstraße im Osten von Genf, kurz vor der französischen Grenze. Ein bisschen Grün, Tankstellen, Parkplätze, Lagerhallen, am Horizont schimmern die Alpen. Nichts davon klingt besonders digital – abgesehen  davon, dass diese Beschreibung nicht auf einem persönlichen Besuch beruht, sondern auf GoogleStreet View.

Das Web hat den Zugang zu Informationen derart radikal vereinfacht, dass das Wort „Revolution“ nicht zu hoch gegriffen ist. Vier Buchstaben bei Google eintippen, mit einem Klick in die Schweiz, einem Link zu einem Video folgen, in dem WWW-Urvater Tim Berners-Lee bescheiden erklärt, er sei „einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ gewesen. Die richtige Zeit waren die frühen 1990er, der richtige Ort das Europäische Kernforschungszentrum CERN an der Genfer Ausfallstraße.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Tim Berners-Lee 1994 an seinem Arbeitsplatz im Europäischen Kernforschungszentrum CERN.
Tim Berners-Lee demonstriert das World Wide Web 1991 auf einer Konferenz in San Antonio, Texas.

Erster Knoten im Netz

Dort erfand der britische Physiker und Informatiker Berners-Lee das WWW und seine wichtigsten Bausteine HTML, HTTP und URL (diese und weitere Begriffe erläutern wir in unserem Glossar), dort stellten Wissenschaftler 1990 die erste Webseite online. Sie wollten Informationen schneller und einfacher mit Kollegen auf der ganzen Welt teilen. Die breite Öffentlichkeit blieb zunächst noch außen vor – bis zum 30. April 1993. An jenem Tag verkündete das CERN zum World Wide Web:

„Das CERN verzichtet auf alle geistigen Eigentumsrechte an diesem Code (…) und erlaubt es jedem, ihn zu verwenden, duplizieren, verändern und verbreiten.“

Nun durfte jeder lizenzfrei Webseiten programmieren und online stellen. Das war der  Durchbruch für das World Wide Web – und der Beginn einer tief greifenden und rasanten Digitalisierung, die bis heute andauert. 1995 gingen Amazon und Ebay online, 1998 Google, 2001 Wikipedia, 2004 Facebook, 2005 Youtube. Das erste iPhone kam 2007 auf den Markt – und mittlerweile gehen mehr Menschen mobil ins Internet als vom Heim- oder Bürocomputer aus.

Infografik zur digitalen Revolution

Von einer zu Milliarden Webseiten

„Man kann gar keinen Lebensbereich mehr ausklammern“, sagt Frank Termer, Bereichsleiter Software beim Digitalverband Bitkom. „Denken Sie nur an die Art, wie wir heute Nachrichten konsumieren oder einkaufen.“ Verändert hat sich auch, wie wir arbeiten, kommunizieren, reisen, Musik hören, fernsehen, flirten und diskutieren. Und, Stichwort Plattform-Ökonomie: „Durch das WWW sind ganz neue Geschäftsmodelle entstanden“, sagt Termer. „Airbnb vermietet weltweit die meisten Unterkünfte – und besitzt keine einzige Wohnung. Uber hat keinen Fuhrpark, Alibaba kein Warenlager, und Facebook produziert fast keine eigenen Inhalte.“

Über vier Milliarden Menschen sind inzwischen online, hat die Social-Media-Agentur We Are Social in ihrem Global Digital Report 2018 ermittelt. 90 Prozent der Deutschen über 14 haben laut der jüngsten ARD/ZDF-Onlinestudie Zugang zum Internet. Weltweit existieren über eine Milliarde Webseiten.

Mit dem iMac der ersten Generation (1998) baute Apple einen Rechner für einen einfachen Zugang zum Internet. Dies trug zum Comeback auf dem Massenmarkt bei. Foto: Masashige MOTOE / CC BY-SA 2.0

Wie geht's weiter?

Noch Anfang der 2000er rauschte, fiepte, knarrte und gurgelte es durch deutsche Wohnzimmer, wenn das 56k-Modem sich über die einzige Telefonleitung ins Internet einwählte – und dann war stundenlang besetzt. Heute sind wir genervt, wenn die Netflix-Serie auf unserem Tablet zweimal ruckelt. Wir streiten über zu langsames Internet auf dem Land, über das „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ gegen Hass-Postings oder über die Netzneutralität, also darüber, ob die Daten zahlungskräftiger Anbieter schneller durch das Netz geleitet werden sollen. Unser Umgang mit dem WWW ist erwachsener geworden, vielleicht auch ein wenig mühsamer.

Derweil arbeiten Entwickler schon an der nächsten Stufe: Das „Semantic Web“ soll den Nutzer verstehen können. Wenn dieser zum Beispiel das Begriffspaar „Paris Hilton“ sucht, soll das Semantic Web aus dem Kontext erraten, ob er gerade ein Hotel in der  französischen Hauptstadt buchen oder den neuesten Tratsch über ein US-Sternchen lesen will. Und wie sieht das Netz in zehn Jahren aus? Da winkt Termer ab: „Zehn Jahre sind im Netz eine Ewigkeit. Das erste iPhone ist auch erst zehn Jahre alt“, gibt er zu bedenken. „Schon fünf Jahre lassen sich unmöglich vorhersagen.“

  • Internet: Das dezentrale Netzwerk, auf dem unser gesamter Datenaustausch basiert – im WWW, per E-Mail, über Apps. 1969 wurde sein Vorläufer in den USA zu militärischen Zwecken entwickelt, 2018 hat das Internet die Marke von 4 Milliarden Nutzern geknackt.
  • WWW: Das „World Wide Web“ ermöglicht den Austausch digitaler Dokumente und Dateien – Text, Bilder, Töne und Videos. Das WWW ist nicht dasselbe wie das Internet, sondern nur ein Teil davon. Apps, die nur auf Smartphones laufen, gehören ebenso wenig zum WWW wie Mailprogramme oder Messengerdienste.
  • HTTP: Das „Hyper Text Transfer Protocol“ ist für die Übertragung von Webseiten im Internet zuständig – anders gesagt: Ohne HTTP könnten wir keine Webseite aufrufen.
  • HTML: Die „Hypertext Markup Language“ hat Tim Berners-Lee ebenso erfunden wie das WWW (und 1993 freigegeben). Diese „Dokumenten-“ oder „Auszeichnungssprache“ befiehlt dem Browser, wie er eine Webseite und deren Bestandteile darzustellen hat.
  • URL: Der „Uniform Resource Locator“ ist das, was wir in eine Browserzeile eintippen oder wohin wir gelangen, wenn wir auf einen Link klicken. Jede Webseite hat so eine eindeutig lokalisierbare Adresse – ein Link kann nicht zu verschiedenen Webseiten führen.
  • Domain: Teil einer Webdresse. Eine „Top-Level-Domain“ ist zum Beispiel ein Länderkürzel wie „.de“, die „Secondary Domain“ bezeichnet den Anbieter („.meramo.“). Dazu kommt dann noch der Dienst – etwa „www.“.
  • Browser: Ein Programm, mit dem wir Webseiten finden, aufrufen und darstellen können. Die gängigsten sind Chrome, Firefox, Safari und – immer noch – der Internet Explorer.
  • Link: Verknüpfung von einer Webseite zu einer anderen oder zu einem anderen Bereich derselben Webseite. Quasi das Grundprinzip des WWW.
  • Server: Computer, auf dem Webinhalte gespeichert („gehostet“) sind, die von anderen Rechnern weltweit angesteuert und aufgerufen werden können.
Daniel Kastner

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