Um das willmy Magazin auch offline mobil erleben zu können, können Sie die App für Ihr Smartphone und Tablet herunterladen.

REISEREPORT

Hinter luxuriösen Kulissen

Klasse statt Masse: die neue MS Europa 2

Hinter luxuriösen Kulissen

Klasse statt Masse: die neue MS Europa 2

Das beste Kreuzfahrtschiff der Welt bekommt eine Schwester: Die Europa 2 geht im Mai auf Jungfernfahrt. Kaum ein Passagier wird dann mitbekommen, wie viel Arbeit hinter dem schwimmenden Luxusbau steckt.

Der Tag der Übergabe rückt näher. Unaufhaltsam. Über 1.000 Menschen sind nun jeden Tag auf der Baustelle im bretonischen Saint-Nazaire unterwegs. Maler, Teppichleger, IT-Experten, Maschinenbauer. Allein um die Elektrik kümmern sich fünf Unternehmen. Die Arbeiter kommen aus unterschiedlichen Ländern, sprechen unterschiedliche Sprachen. „Es ist ein Ameisenhaufen“, sagt Neubau-Leiter Dr. Henning Brauer lachend. Ein Ameisenhaufen verteilt auf elf Decks. Auf den ersten Blick ein heilloses Durcheinander, auf den zweiten wird klar: Jeder hier weiß genau, was er wann wo zu tun hat. Eine perfekt durchgeplante Choreografie. Am 10. Mai ist sie zu Ende. Dann wird das neue Flaggschiff von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten in Hamburg getauft – die Europa 2.

Höchste Ansprüche

Genauso luxuriös, aber legerer und moderner soll die jüngere Schwester der Europa werden, die seit 1999 über die Weltmeere fährt. „Beide bewegen sich im Luxussegment, sprechen aber Menschen mit unterschiedlichen Lebensmodellen und Urlaubswünschen an“, erklärt der Geschäftsführer von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten, Dr. Wolfgang Flägel. Auf der Europa 2 wird es kein Captains-Dinner und keine festen Essenszeiten geben. Und der Smoking kann ebenfalls zu Hause bleiben. Die Atmosphäre ist entspannter – der Anspruch derselbe. „Die Europa wurde vom Berlitz Cruise Guide als bestes Kreuzfahrtschiff der Welt ausgezeichnet“, sagt Henning Brauer. „Mit der Europa 2 streben wir diesen Titel ebenfalls an.“

Schiffskizze auf der Serviette

Doch auch Traumschiffe fangen mal klein an. „Im Prinzip beginnen wir wie mit einer Serviette in der Bar – auf der man die wichtigsten Dinge erst mal grob skizziert“, erklärt Brauer. Wie groß das neue Schiff ungefähr wird, was es bieten soll und mit welchem Anspruch. „Dass wir wieder die 5-Sterne-Plus-Kategorie anstreben, war von Anfang an klar.“ Fast sechs Jahre ist der erste Servietten-Entwurf nun her. Auf ihm stand auch schon fest, dass die Gastronomie auf der Europa 2 einen Schwerpunkt bilden soll. Acht verschiedene Restaurants, sechs Bars und eine eigene Kochschule erwarten die künftigen Passagiere an Bord. Zuständig dafür wird Küchenchef Stefan Wilke sein, der auch auf der MS Europa diese Funktion hat.

Küchenplanung ist Chefsache

Der Jetlag nagt noch an ihm. Wilke kommt direkt aus Papeete, Tahiti. Ein paar Wochen hat er nun Pause, bevor es für ihn zum ersten Mal auf die zweite Europa geht. Der neue Küchenchef will dabei sein, wenn die Lieferung des Equipments ansteht, die ersten Lebensmittel an Bord kommen. Schließlich hat der 33-Jährige die Planung des Gastronomie-Bereichs von Anfang an begleitet. Er hat die Konzepte der Restaurants mitgestaltet und konnte bestimmen, wohin welcher Herdblock kommt. „Im Prinzip habe ich nun mein persönliches Optimum an Küche.“ Er macht eine Pause und strahlt. Vor neun Jahren hat es ihn zum ersten Mal an Bord verschlagen. Anfang 2004 suchte Hapag-Lloyd Kreuzfahrten einen Souschef. Wilke war damals Küchenchef des „Palazzo“ in Hamburg, ein Restaurant von Sternekoch Harald Wohlfahrt, bei dem Wilke auch gelernt hat. „Ich habe in Hamburg immer gerne die Schiffe beobachtet.“ Sein Vater fuhr zur See, erzählt Wilke, auch wenn er selbst das Meer sieht, die Schiffe, gesellt sich irgendwann das Fernweh hinzu. „Ich war neugierig. Der erste Vertrag ging über fünf Monate – ich wollte es einfach probieren.“ Am 8. März 2004 ging er an Bord und ist nach fünf Monaten nicht wieder an Land gegangen.

Foto: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten GmbH

Kindheitstraum erfüllt

Die Sehnsucht, die Schiffe wecken, kennt Henning Brauer nur zu gut. Schon als er zehn Jahre alt ist, steht für ihn fest, was er später machen wird. „Andere wollten zur Feuerwehr, als sie klein waren, ich wollte immer schon Schiffe bauen“. Er verwirklicht seinen Kindheitstraum, studiert Schiffsbau in Hamburg und ist seit Ende 2009 bei Hapag-Lloyd Kreuzfahrten. Brauer redet schnell, erzählt lebendig. Die Begeisterung für seinen Beruf ist ihm deutlich anzumerken. „Fahrgastschiffe zu bauen ist extrem vielseitig, man arbeitet nicht nur mit Technikern und Maschinenbauern zusammen, sondern auch mit Innenarchitekten oder Köchen.“ Mit einem Hausbau, sagt er, sei das überhaupt nicht vergleichbar. „Schließlich bewegt sich das Schiff – muss also autark sein.“

Meerblick und Balkon für alle

Nach und nach wird die erste Serviettenskizze detaillierter, die Anforderungen zahlreicher. Ein Architekt macht sich an den ersten Entwurf des neuen Schiffes. Brauer schmunzelt. „Das klappt nie beim ersten Mal – man bekommt nie alles unter.“ Die große Schwierigkeit bei der Europa 2 – alle 251 Kabinen an Bord blicken aufs Meer und haben einen eigenen Balkon. „Das grenzt die Möglichkeiten natürlich ein. Also dreht man Schleife um Schleife, bis alles passt.“ Gleichzeitig werden die Techniker eingeschaltet, die klären, welche Motoren das Schiff antreiben, wo der Kamin hinkommt. Bis zu einem Jahr kann dieser Prozess dauern. „Heraus kommt ein Konzept von etwa 100 Seiten, mit dem man an die Werften herantritt“, erklärt Brauer. Dann beginnt eine Art Casting, aus dem sich Runde für Runde Werft um Werft verabschiedet. Den Zuschlag für die Europa 2 erhielt schließlich STX France in Saint-Nazaire. „Dann dauert es nochmal ein Jahr bis alles – selbst die Farbe der Tischtücher und der Griff für den Nachttisch – feststeht.“

  • Die Europa 2 ist kein großes Kreuzfahrtschiff. Sie ist 225 Meter lang, 27 Meter breit und für maximal 516 Passagiere ausgelegt. Zum Vergleich: Die Allure of the Seas, das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, bietet 6300 Gästen Platz. Hapag-Lloyd Kreuzfahrten legt Wert auf Service – auf 1,4 Gäste kommt an Bord ein Crewmitglied.
  • Zwischen 28 und 99 Quadratmeter groß sind die Kabinen an Bord. Es gibt sieben Familien-Appartements und 16 Spa-Suiten mit Whirlpoolwanne und Dampfsauna. Außerdem erwartet die Passagiere ein Spa-Bereich auf 790 und ein Fitness-Studio auf 210 Quadratmetern.
  • Es gibt einen Golfsimulator für die großen und einen Kids- und Teens-Club für die kleinen Gäste. Stars wie Kim Wilde, Viktoria Tolstoy und Cordula Stratmann sorgen für die Abendunterhaltung.
  • Die 14-tägige Jungfernfahrt führt vom 11. bis 25. Mai von Hamburg nach Lissabon. Im Sommer bietet die Europa siebentägige, kombinierbare Reisen ins Mittelmeer, im Winter 13 bis 20-tägige Kombinationsreisen zu Fernzielen.
  • Der Luxus hat seinen Preis: 600 Euro kostet ein Tag an Bord der Europa 2 für eine Person im Durchschnitt.

hlkf.de > Schiffe > MS Europa 2

Kiloweise Kaviar

Auch in der Küche ist Planung alles. Eine Umstellung sei es schon gewesen, auf See zu kochen, erzählt Küchenchef Stefan Wilke. „Bei der Luftfahrt muss man kräftiger würzen – bei der Schifffahrt ist die Herausforderung, dass man lange im Voraus planen muss.“ Was auf der Europa 2 an Weihnachten auf den Tisch kommt, wird schon im August feststehen und teilweise auch schon bestellt sein. In einem Atemzug rattert Wilke herunter, was Crew und Passagiere in 14 Tagen verbrauchen: „15 bis 19 Tonnen Frischeproviant, zu dem etwa Obst und Gemüse gehören, 12.000 Eier, sechs Tonnen Fleisch und 20 Kilogramm Kaviar.“ Es gibt an Bord einen eigenen Kühlraum für Milch, einen für Eier und einen für den Kaviar. „Wir haben 80 bis 120 Kilogramm Kaviar an Bord – das ist ein kleines Vermögen.“ Zu diesem Kühlhaus haben nur wenige Menschen den Schlüssel. Wilke beispielsweise nicht – und er ist froh darüber.

Luftbrücke für Lebensmittel

Alle vier bis sechs Wochen bekommt die Europa 2 künftig eine Vollversorgung von 120 Tonnen. Alle 14 Tage werden frische Lebensmittel wie Wurst und Käste dorthin geflogen, wo das Schiff gerade ankert. Und wenn zwischendurch etwas ausgehe, kaufe die Küchencrew schon mal ganze Märkte leer, berichtet Wilke. Doch bei aller Planung – er nimmt sich seine Freiheiten. Dabei nutzt der Koch aus, dass es nicht nur ein Restaurant an Bord gibt, er nicht nur in einer Schiene denken muss. „In der Karibik fahren die einheimischen Fischer teilweise mit ihren Booten direkt ans Schiff und bieten ihre Ware an. Natürlich können die mir nicht tonnenweise Fisch liefern.“ Wenn er nur zehn Kilogramm von einer Sorte bekommt, weiß Wilke, dass er diesen Fisch nicht im Hauptrestaurant des Schiffes – auf der Europa 2 das „Weltmeere“ – anbieten kann, aber im kleineren „Serenissima“, dem Italiener an Bord.

Foto: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten GmbH

Über 50 Köche

Der 33-Jährige schwärmt von seinem maritimen Nomaden-leben, von den Entdeckungsreisen auf den Märkten dieser Welt: von Thunfisch in Tokio, von Vanille in Réunion, von den Currys in Mumbai. Er versuche immer, das Land an Bord zu holen, sagt er. In den ruhigen Phasen, zwischen den Essenszeiten, steht er dann selbst am Herd, experimentiert mit dem, was er von seinen Marktrundgängen mitgebracht hat. „Abends kann ich nicht selbst kochen. Da bin ich eher der Fußballtrainer.“ Er muss sich zu 100 Prozent auf seine Mannschaft verlassen können. 70 Mitarbeiter, davon 55 Köche, trainiert er so, dass abends alles reibungslos funktioniert. „Ich instruiere sie, wie ein Gericht schmecken, wie es aussehen muss. Beim Spiel selbst, dem Abendservice, bin ich dann nur noch Zuschauer und werfe ab und an einen Kommentar vom Spielfeldrand ein.“

Innenausbau als Riesenpuzzle

Auch Brauer ist in Frankreich in der Rolle des Zuschauers, allerdings eines extrem kritischen. Er beobachtet genau, was mit seinem Schiff passiert, alle zwei Wochen fährt er in die Bretagne, in der Endphase öfter. Im September 2011 war der Stahlschnitt, das erste Stück Schiffsstahl, das geschnitten wird. Vergleichbar mit der Grundsteinlegung beim Hausbau. Ein halbes Jahr später war die Kiellegung und im Juli 2012 verließ das Schiff das Trockendock. Dann folgte der Innenausbau an der Ausrüstungspier – ein Puzzlespiel. „Einige Dinge, wie die Kabinen, werden von externen Unternehmen gefertigt und dann in den Rohbau geschoben“, erklärt Wilke.

Elchtests für das Kreuzfahrtschiff

Das Puzzle soll später perfekt ineinandergreifen, das Leben an Bord reibungslos funktionieren. Dafür wird in zahllosen Computersimulationen jedes erdenkliche Szenario durchgespielt, die Crew auf alles vorbereitet. „Vieles, was nun nach dem Untergang der Costa Concordia an Sicherheitsmaßnahmen diskutiert wird, ist bei uns längst Standard“, sagt Brauer. Auch wird getestet, wie das Schiff mit Stürmen zurechtkommt – so etwas wie Elchtests für das Kreuzfahrtschiff. Schließlich soll es so im Wasser liegen, dass nicht alle Gäste beim kleinsten Seegang über der Reling hängen.

Foto: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten GmbH

Geleekochen in Hängematten

Seegang sorgt auch in der Küche für große Herausforderungen. „Dann werden die Töpfe auf dem Herd festgeschnallt. Wir nehmen extra große und füllen relativ wenig rein, damit nichts überschwappt.“ Improvisationstalent ist gefragt. Beispielsweise bei Gelees: „Die werden auf See nie ganz glatt. Also legen wir das Blech mit dem Gelee in eine Art Hängematte. Dann kann es mit den Wellen mitschwingen – und wir haben einen wunderbar glatten Spiegel.“ Da das Schiff immer in Bewegung ist und selbst bei Windstille die Vibrationen der Motoren zu spüren sind, funktionieren manche Dinge an Bord gar nicht. „Molekularküche etwa“, sagt Wilke. „So genau, im Milligramm-Bereich, kann man an Bord einfach nicht messen.“ Besonders schade findet Wilke das allerdings nicht. Er ist kein großer Fan der Molekularküche, der gebürtige Baiersbronner mag es lieber heimisch. „Ich hab mein Spätzlebrett immer dabei – und ohne Soß‘ geht nix.“ Er lacht. Neben der schwäbischen schätzt er vor allem die asiatische Küche. „Ich mag es, wenn das Gemüse noch knackig ist – außerdem sind die Aromen der asiatischen Küche so vielfältig wie bei kaum einer anderen.“

Der Countdown läuft

Die Arbeit an Bord ist kein Nine-to-Five-Job. „Wir sind im Prinzip rund um die Uhr im Einsatz“, sagt Wilke. Ohne Ruhetag. Deshalb freut er sich auch jedes Mal, wenn er nach vier bis fünf Monaten wieder an Land geht. „Aber nach einigen Wochen juckt es dann wieder in den Füßen.“ Täglich steigt nun die Aufregung bei Neubau-Leiter und Küchenchef. Brauer fiebert dem 24. April entgegen, dem Tag der Übergabe, dem Tag, an dem sein Schiff fertig sein wird. Die Taufe am 10. Mai wird Brauer einfach nur noch genießen. Wilkes Job wird dann dagegen erst so richtig beginnen.

In Europa geht kein Kreuzfahrtschiff ohne Lösungen für die Wasserversorgung von Georg Fischer Piping Systems vom Stapel. Das Unternehmen ist führender Anbieter für Rohrleitungssysteme und Komponenten aus Kunststoff und Metall, mit denen Flüssigkeiten und Gase transportiert werden. Die Willmy MediaGroup entwickelt und etabliert für Georg Fischer ein technisches Redaktionssystem und ein Product-Management-System. Das Gesamtsystem (Media Cockpit Plus) basiert auf dem etablierten System GeCONT. Es ermöglicht
mittels Webbrowser die weltweite multilinguale Pflege für Print- und Online-Ausgabe aller wichtigen Produktinformationen. Auch das Hosting und Providing der Anwendung übernimmt die Willmy MediaGroup.

Sarah Weik

Weitere Artikel