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Interview

„Als Frau wird einem weniger zugetraut.“

Rennfahrerin Jutta Kleinschmidt erzählt von extremen Gefühlen, harten Konkurrenten und den Parallelen zwischen Motorsport und Business.

„Als Frau wird einem weniger zugetraut.“

Rennfahrerin Jutta Kleinschmidt erzählt von extremen Gefühlen, harten Konkurrenten und den Parallelen zwischen Motorsport und Business.

Rennfahrerin Jutta Kleinschmidt erzählt von extremen Gefühlen, harten Konkurrenten und den Parallelen zwischen Motorsport und Business.

Frau Kleinschmidt, Sie waren auf einer Knabenrealschule die einzige Schülerin. War das genau die richtige Vorbereitung, um in einer Männerdomäne wie dem Rallyesport bestehen zu können?
Ich wollte unbedingt auf die Knabenrealschule gehen, weil ich technisch interessiert war. Damals war die Zuordnung klar: Mädchen besuchten die kaufmännische und Jungen die technische Realschule – das ist zum Glück heute anders. Meine Mutter und ich haben Druck gemacht und wir haben tatsächlich eine Sondergenehmigung bekommen. Ich konnte meine Interessen durchboxen und eine technische Ausbildung machen. Das hat mir in meiner späteren Karriere sicherlich geholfen, da ich gelernt habe, mich durchzusetzen.
Hat sich damals bereits der Hang zu Geländewagen geäußert?
Ich fand zunächst Motorräder sehr spannend. Ein Bekannter musste mich als Kind häufig auf seinem Motorrad mitnehmen. Motorräder haben mich schon immer fasziniert, bedeuteten für mich Abenteuer und eine bestimmte Art von Freiheit. Erst durch meine Motorradkarriere wurde dann auch das Auto interessant. Ich wollte irgendwann einfach etwas Neues ausprobieren.
In Ihrem Buch schreiben Sie „Zufriedenheit bringt selten Spitzenleistungen hervor.“ Demnach müssen Sie ja ein ziemlich unzufriedener Mensch sein, oder?
(schmunzelt) Damit meine ich, dass man Wünsche oder Visionen haben muss. Das zeigt sich auch in der Gesellschaft. Herrscht überall Zufriedenheit, entwickelt sich nichts weiter. In der Nachkriegszeit beispielsweise ist in kurzer Zeit sehr viel entstanden. Die Leute wollten etwas erreichen und haben mehr geleistet, als wenn es ihnen rundum gut ginge. Es ist von Vorteil etwas vor Augen zu haben, das man umsetzen möchte. Oder anders ausgedrückt: Man darf auf keinen Fall aufhören, von neuen Dingen zu träumen.

"Man findet neue Herausforderungen, wenn man nur die Augen offen hält."

Diese Einstellung hat Ihnen sicherlich dabei geholfen, als erste und bisher einzige Frau die Rallye Dakar in der Gesamtwertung zu gewinnen.
Ja, wenn man bereits etwas geschafft hat, darf man sich nicht zurücklehnen und sagen: „Das reicht jetzt. Zukünftig muss ich nichts mehr leisten.“ Ich hatte immer die Einstellung, noch mehr erreichen zu wollen. Das hat mich motiviert, neue Dinge auszuprobieren und meine Ziele umzusetzen.
Motorräder faszinierten Jutta Kleinschmidt schon als Kind. Hier fährt sie bei der 5.300 Kilometer langen, elftägigen Pharaonen-Rallye in Ägypten. (Foto: Jutta Kleinschmidt)
Wenn Sie an Ihr Siegerrennen 2001 zurückdenken, woran erinnern Sie sich besonders intensiv?
Es gibt einige Begebenheiten, die man nicht vergisst. Vor allem erinnere ich mich aber an den letzten Tag, der so wichtig und einschneidend war. Einerseits zu wissen, man kann das schaffen, was man sich in seinen kühnsten Träumen nicht erhofft hat, und andererseits die Angst, alles zu verlieren, sollte der Tag nicht gut laufen – dieses Gefühl ist extrem. Ich glaube, diese Empfindung durchleben nicht viele Menschen. Das ist eine enorme Belastung, die man nicht unterschätzen darf und mit der man fertig werden muss. Das prägt und man nimmt das für sein ganzes Leben mit.
Wie gelang es Ihnen, in schwierigen Situationen Zweifel auszublenden?
Zweifel, die immer mal wieder aufkeimen, kann man nur bekämpfen, indem man sich mit der Situation auseinandersetzt. Ich musste mich in den Griff bekommen, um nicht wie jemand zu reagieren, der zum ersten Mal in einem Auto sitzt. Diese Einstellung hilft bei vielen Entscheidungen. Manchmal muss man einfach etwas ausprobieren und riskieren. Viele Menschen trauen sich das allerdings nicht, aus Angst zu versagen oder sich zu blamieren.
Verhilft das zur nötigen Motivation?
Vor allem gewinnt man Selbstbewusstsein. Das ist der Punkt, der gerade bei Spitzenleistungen den Unterschied macht. Da ist es egal, ob es sich um Sport oder Business handelt. Der Gegner oder das Gegenüber merkt, ob man selbstbewusst oder eher ängstlich ist.
Welche Rolle spielt in diesem ­Zusammenhang das Team im Hintergrund?
Ohne ein gutes Team hat man im Spitzensport keine Chance. Man braucht neben einem tollen Fahrzeug ein Serviceteam hinter sich, das alles tut, damit Auto und Fahrer problemlos und schnell ins Ziel kommen. Dabei merkt man recht schnell, was dem Einzelnen liegt. Am besten ist es, die Mitarbeiter nach ihren Fähigkeiten und Interessen einzuteilen, denn nur dann werden sie maximale Leistung bringen. Sollte die Zusammenarbeit nicht klappen, muss man schlimmstenfalls Leute ersetzen.
Die passionierte Rennfahrerin sitzt nach wie vor gerne hinter dem Steuer und bestreitet Rennen. (Foto: Jutta Kleinschmidt)
Und welche Rolle spielen die Konkurrenten?
Konkurrenz belebt das Geschäft. Man bringt die beste Leistung und hat den meisten Spaß, wenn man gute Konkurrenten hat. Gewinne ich ein Rennen gegen schwache Gegner mit hundert Stunden Vorsprung (lacht), wird mich das nicht befriedigen. Daher braucht man starke Gegner, gegen die man sich durchsetzen kann. Oder auch verlieren, was dann weniger schlimm ist, denn im Vergleich war die eigene Leistung trotzdem gut.
Und der Konkurrenzkampf zwischen Frauen und Männern?
Als Frau wird einem weniger zugetraut – gerade vor meinem Sieg bei der Dakar, da bis dahin noch keine Frau gezeigt hat, dass Frauen nicht schlechter als Männer fahren. Das Schlimmste, was Männern passieren kann, ist, langsamer als die Frau im Feld zu sein. Gegen ein „Mädchen“ zu verlieren ist ihnen peinlich. Der Konkurrenzkampf zwischen Frauen und Männern ist daher ausgeprägter. Ansonsten gibt es wie überall zwischenmenschliche Probleme und man versteht sich unterschiedlich gut. Das hängt natürlich damit zusammen, wie sich jemand im Rennen verhält. Es gibt faire und unfaire Gegner. Aber man darf sich von letzteren nicht verrückt machen lassen, sondern muss versuchen, seinen eigenen Weg zu verfolgen.
Ist es möglich, Freundschaften mit Konkurrenten zu schließen, nachdem man sich über tausende Kilometer durch unwirtliches Gelände gejagt und verfolgt hat?
Ja, absolut. Ich hatte auch tolle Konkurrenten, die mir meinen Erfolg gegönnt haben. Wenn man aus dem Auto ausgestiegen ist, kann man durchaus Freundschaften schließen. Nicht unbedingt mit vielen, aber es geht.

Die studierte Physikerin war bis 1992 in der Fahrzeugentwicklung für BMW tätig und ging 1987 erstmals mit einem Motorrad bei der Pharaonen-Rallye in Ägypten an den Start. Mit dem Umstieg aufs Auto startete Jutta Kleinschmidt 1993 ihre Karriere als Profi-Marathon-Rallyefahrerin und bestritt zahlreiche anspruchsvolle Rennen. Den Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn erlebte sie, als sie 2001 als erste und bisher einzige Frau die prestigeträchtige Rallye Dakar in der Gesamtwertung gewinnen konnte. Heute arbeitet sie unter anderem als Management-Trainerin, berichtet in Vorträgen von ihren Erfahrungen im Motorsport und zieht dabei Vergleiche zum Geschäftsleben.

Hat sich nach Ihrem denkwürdigen Sieg 2001 eine „neue Weiblichkeit“ im Rennsport durchgesetzt?
Ein bisschen vielleicht. Aber leider nicht genug. Ab und zu fragen mich Frauen um Rat. Aber das ist die Ausnahme. Die Sportart insgesamt hat sich natürlich verändert. Die Rallye, die nach Südamerika umgezogen ist, hat sich weiterentwickelt und ist in gewisser Weise zivilisierter geworden. Die Fahrer schlafen mittlerweile in Hotels und fahren kürzere Dünenetappen. Das enthärtet das Rennen und es ist einfacher, ins Ziel zu kommen.
Sie ziehen konkrete Parallelen zwischen Motorsport und Business. Was haben die beiden Bereiche gemeinsam?
Sehr viel. Die Erfahrungen, die ich im Motorsport gemacht habe, kann ich eins zu eins ins Geschäftsleben übertragen. Am Ende geht es in beiden Bereichen darum, ein Ziel zu verfolgen und Erfolg zu haben. Dazu braucht man die gleichen Grundvoraussetzungen. Zunächst muss man wissen, was man will. Das klingt banal, aber viele Menschen haben keine definierten Ziele.
Was können dann also Unternehmer von Ihnen als Rallye-Siegerin lernen?
Ich habe zu Beginn meiner Karriere selbst die Initiative ergriffen, mein erstes Motorrad zusammengeschraubt, bei Rückschlägen nicht aufgegeben und mir Leute gesucht, die mich unterstützen. Im Geschäftsleben ist das nicht anders. Wichtig ist außerdem, an einen einmal errungenen Erfolg anzuknüpfen. Egal ob im Motorsport oder im Business, wenn man sich weiterentwickeln will, muss man sich und sein Team immer wieder neu motivieren. Dabei muss das zwischenmenschliche Verhältnis stimmen. So habe ich mit meinen Mechanikern auch außerhalb der Rennstrecke mal was unternommen. Es ist wichtig, auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten einzugehen, dann werden diese auch im Krisenfall hinter einem stehen.
Obwohl Jutta Kleinschmidt bereits auf große Erfolge zurückblicken kann, stellt sie sich immer wieder neuen Herausforderungen. (Foto: Jutta Kleinschmidt)
Stagnieren viele Projekte oder scheitern gar, weil man sich in unwichtigen Details verliert?
Ja, Detailverliebtheit ist in jedem Fall ein Risiko. Vor allem wenn man einen Hang zum Perfektionismus hat, so wie ich. Aber man lernt durch die Rallyes ganz gut, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wenn ein Rennen um fünf Uhr am Morgen gestartet wird, kann man nicht sagen: „Wir sind leider noch nicht fertig, verschieben wir den Termin doch um zwei Stunden oder fünf Tage.“ (lacht)
Wie gehen Sie Ihrer Leidenschaft für den Wettbewerb und die Extreme heute nach?
Ich interessiere mich zum Glück für viele Dinge. Ich fahre nach wie vor ab und zu Rennen wie das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring dieses Jahr. Außerdem halte ich Vorträge und habe zusammen mit meinem Lebenspartner eine Firma, die nichts mit Motorsport zu tun hat und eher an mein Physikstudium anknüpft. Wir versuchen, im Bereich der erneuerbaren Energien eine Wasserturbine zu bauen. Das ist eine große geschäftliche Herausforderung, wobei mir meine Erfahrungen aus dem Motorsport helfen. Auch hier muss ich ständig neue Ansätze finden. Im Moment beschäftige ich mich mit Crowdfunding. Das Schöne im Leben ist, man findet neue Herausforderungen, wenn man nur die Augen offen hält. Alles hat seine Zeit und ich kann ja nicht Rallyes fahren, bis ich hundert bin.
Aber Sie brauchen die Herausforderung?
Ja, das macht Spaß und motiviert. Deshalb stehe ich morgens auf und beginne zu arbeiten.
Wie sorgen Sie im Gegenzug dazu für Entschleunigung?
Eigentlich wie jeder andere. Sport tut mir gut und ist nach wie vor ein toller Ausgleich. Es kommt selten vor, dass ich nichts zu tun habe. Zuhause findet sich immer etwas, das ich erledigen muss. Im Gegenzug muss man seinem Körper die Chance geben abzuschalten. Sei es beim Fahrradfahren, Golfspielen, Wandern oder Bootfahren.
Liebäugeln Sie vielleicht mit einem Comeback bei der Dakar?
Ja und nein. Wenn die Dakar läuft, habe ich Lust, sofort wieder ins Auto zu springen und mitzufahren. Ich habe eine Rückkehr offengelassen und meine Karriere nie offiziell beendet. Falls das richtige Projekt käme, warum nicht. Ich könnte mir eine Beteiligung in jeder Form vorstellen, zum Beispiel als Team­manager. Aber nur, wenn ein finanzieller und technischer Background vorhanden ist, der Innovationen ermöglicht. Reizen würde mich die Entwicklung eines „grünen“, umweltfreundlichen Rennautos.
Basteln oder schrauben Sie auch selbst?
Ich bastle immer noch sehr gerne selbst, wenn es die Zeit erlaubt. Geht im Haushalt irgendetwas kaputt, repariere ich das. Es macht mir einfach Spaß, einen Schraubenzieher in die Hand zu nehmen.

In ihrem 2010 erschienenen Buch „Mein Sieg bei der Dakar oder was Rallyefahren und Business gemeinsam haben“ erinnert sich Jutta Kleinschmidt an ihren größten Erfolg und blickt auf die Erlebnisse während der schwersten und längsten Rallye der Welt zurück. Sie beschreibt, wie nahe Motorsport und Business beieinanderliegen und gibt konkrete Tipps zu Organisation, Zielerreichung, Motivation und Krisenmanagement.

Dr. Nina Benkert

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