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Porträt

Kontrastreiche Leichtigkeit

Nicht von der Stange: junge Mode aus Berlin

Kontrastreiche Leichtigkeit

Nicht von der Stange: junge Mode aus Berlin

Nach dem Diplom zur Berlin Fashion Week: Mit Disziplin und Leidenschaft erreichten die jungen Modemacherinnen Johanna Perret und Tutia Schaad in kürzester Zeit, wofür andere Jahre brauchen.

Regis fließt. Er umgibt Marta wie Wasser, zeichnet ihre Konturen nach, gibt ihr mit jedem Schritt eine neue Silhouette. Und Regis ist gelb. „Echtgelb“, wie seine Erschafferinnen sagen, da von diesem Farbton keine Steigerung mehr möglich sei. Regis ist ein Hauch von Sommer: zarter Stoff und kräftige Farbe, kühle Seide und heißes Gelb.

Regis ist ein Kleid des Berliner Designerduos Perret Schaad. Jeden ihrer Entwürfe taufen die zwei jungen Frauen auf einen Männernamen, es gibt einen Schal namens Hugo und eine Hose namens Denis. „Wir finden es schön, Teilen, die für Frauen entworfen sind, Männernamen zu geben“, lautet die schlichte Erklärung. Es gibt noch eine zweite: Johanna Perret und Tutia Schaad lieben das Spiel mit Kontrasten. Sie kombinieren eckige Schnitte mit fließenden Materialien, dichte Wolle mit luftigem Chiffon und entwerfen Mode, die elegant ist, aber niemals steif. In einer Stadt, in der Kreative am liebsten mit Tabubrüchen und schriller Ironie um Aufmerksamkeit buhlen, kreieren sie zurückhaltende, zeitlose Mode – und haben genau damit Erfolg.

 

"Wir hatten Lust darauf und haben daran geglaubt - also haben wir es gemacht."

Hot & wet: Das Modell Regis in Echtgelb – gelber gehts nicht – umfließt die Silhouette wie Wasser. (Foto: Getty Images)

Die große Hoffnung der deutschen Mode

Die Entwürfe entstehen in einer Altbauwohnung mitten im Prenzlauer Berg. Nichts deutet von außen darauf hin, dass hier zwei Designerinnen tätig sind, die seit ihrem Debüt auf der Berliner Fashion Week im Januar 2010 als die große Hoffnung der deutschen Mode gelten – oder auch als „das Beste, was der deutschen Mode seit Jil Sander passiert ist“, wie es das Magazin der Süddeutschen Zeitung formulierte. Johanna Perret und Tutia Schaad, 30 und 31 Jahre alt, wirken, als hätten sie diese Kritiken nie gelesen. Der Empfang ist freundlich und unkompliziert, das Atelier ruhig und aufgeräumt. Das sei aber nicht immer so, versichert Perret. „Rund um die Fashion Show war hier Chaos pur.“

Im Juli präsentierten Perret Schaad ihre Kollektion für Frühjahr und Sommer 2014 bei der Berliner Fashion Show. Dabei verzichteten sie auf Laufsteg, Musik und Scheinwerfer. „Wir wollten es anders machen“, sagt Tutia Schaad – „wie immer“, fügt sie dann noch hinzu und lacht. Erst einen Tag vorher erfuhr das ausgewählte Publikum, wo die Schau stattfinden wird: in der Neuen Nationalgalerie, mitten im laufenden Museumsbetrieb. „Das war unser Traum“, erklärt Johanna Perret. „Wir finden das Gebäude wunderschön.“ Beide bewundern die Architektur von ­Ludwig Mies van der Rohe, seine klare, transparente Sprache. Eine, die ihrer eigenen ganz ähnlich ist.

 

Fashion-Show zwischen Statuen

Zwischen Büsten und Statuen schwebten die Models durch die obere Halle – lautlos für die Gäste, die die Show außerhalb des Gebäudes durch die Glasscheiben verfolgten. Als letzten Look der sehr erwachsenen, sehr weiblichen Kollektion präsentierte Model Marta dann Regis, den Sommerhauch. Am Ende der Show jedoch, als Johanna Perret und Tutia Schaad außerhalb des Gebäudes den Applaus ihrer Gäste entgegennahmen, wirkten sie wie zwei aufgeregte Mädchen. Sie hielten sich an den Händen, lächelten und winkten ins Publikum. Selbst im Rampenlicht zu stehen sei nicht ihr Ding. „Wir hatten da schon einen Graus davor, muss man ehrlich sagen“, gesteht Johanna Perret nun, ein paar Wochen später. „Aber gleichzeitig haben wir es auch genossen.“ Tutia Schaad lächelt. „Es ist schön, wenn man solche Momente zusammen erleben kann.“

Als sie den Applaus entgegennahmen, lagen etwa fünf Monate intensiver Vorbereitung hinter ihnen. Die in diesem Jahr noch etwas stressiger war als sonst. Der Grund dafür gluckst gerade neben Tutia Schaads Schreibtisch in einer Tragetasche vor sich hin. Im Mai wurde ihre Tochter Lina Van geboren. Nur einen Monat Pause hat sie sich gegönnt, dann ging sie wieder arbeiten. „Aber es geht gut mit ihr. Lina ist sehr friedlich – und wir sind hier ja auch kein Postbüro.“

Johanna Perret (links) und Tutia Schaad in ihrem Berliner Atelier. Den beiden Hoffnungsträgerinnen der deutschen Mode ist jegliche Wichtigtuerei fremd. (Foto: Sarah Weik)

Am Anfang ist der Stoff

Bei Perret Schaad beginnt die Kollektion mit dem Stoff. Auf Messen suchen sie nach Materialien, die sie ­inspirieren und in ihr Farbkonzept für die Saison passen. „Und die Qualität muss stimmen“, fügt Tutia Schaad hinzu. Johanna Perret nickt. „Später haben wir hier dann einen Riesenberg von Stoffen vor uns und treffen die finale Auswahl.“ Viel geredet werde dabei, viel diskutiert – aber nie gestritten, stellen beide klar. Die Schnitte entstehen dann meist, indem sie Stoff an einer Puppe drapieren. Dabei sind sie offen für Zufälle und Spontanität, oft fängt eine an und die andere macht weiter. „Ich denke, das charakterisiert auch unsere Arbeitsweise“, sagt Johanna Perret. „Dass sie sehr frei ist, nicht so starr.“

Bereits im Studium an der Berliner Kunsthochschule ­Weißensee merkten die jungen Frauen, dass sie gut zusammenarbeiten können. Sie absolvierten beide ein Praktikum bei Givenchy und arbeiteten zur selben Zeit im selben Raum an ihrer Diplomkollektion. „Wir haben uns viel ausgetauscht in der Zeit“, erzählt Tutia Schaad. Und sie freundeten sich an. „Wir merkten, dass wir vielleicht nicht die gleichen Sachen machen, aber auf ähnliche Dinge Wert legen – die Qualität der Stoffe, schöne Verarbeitung“, ergänzt Johanna Perret.

Sprung ins kalte Wasser

Dass aus der Freundschaft mal ein Label wird, wussten sie damals noch nicht. Nach dem Diplom schrieben beide erst mal getrennt Bewerbungen, nahmen an Wettbewerben teil, überlegten, was sie machen wollten. „Dann gab es diese Chance, einen freien Platz bei der Fashion Week im Januar 2010 zu bekommen“, erzählt Johanna Perret. „Wir dachten einfach, es wäre cool, etwas zusammen zu machen, also haben wir uns dafür beworben – und wurden genommen.“ Plötzlich hält sie mitten im Satz inne, blickt zu Tutia Schaad, schüttelt den Kopf: „Krass, vor vier Jahren!“ Die Zusage im Herbst 2009 war der Startschuss für Perret Schaad, mitten in der Wirtschaftskrise. „Wir hatten Lust darauf und haben daran geglaubt – also haben wir es gemacht“, sagt Tutia Schaad. Ein bisschen naiv, meint Johanna Perret nun im Nachhinein. Aber, fügt sie noch hinzu, vielleicht sei gerade das gut gewesen.

Es war ein Sprung ins kalte Wasser – für beide Seiten. Für die Designerinnen, die nun ihre erste Kollektion auf die Beine stellen mussten, und für die Organisatoren der Fashion Week, die einem Label eine Show zugesprochen hatten, das es zuvor noch gar nicht gab. „Aber sie haben es nicht bereut“, sagt Johanna Perret und lacht.

Jeder Entwurf hat seine eigene Note

Die Unbeschwertheit, mit der sie Dinge angehen, merkt man auch ihren Kollektionen an. Sie machen Mode aus einem Guss, ohne dass sie langweilig wirkt. Weil jeder Entwurf seine Eigenheiten mit sich bringt, eine ungewöhnliche Raffung, eine asynchrone Naht. Und man kann sich dabei gut vorstellen, wie die beiden einige Monate zuvor vor ihrer Puppe standen, genau diese Raffung ausprobierten und wussten: Das ist es. Tutia Schaad lächelt. „Solche Momente sind ganz speziell.“

Immer wieder, wenn die zwei Modemacherinnen nach Worten suchen, wechseln sie ins Französische. Tutia Schaad ist in Vietnam geboren und lebte später im französischen Teil der Schweiz. Johanna Perret wuchs in München und Frankreich auf. Beide interessierten sich schon früh für Mode, hatten jedoch auch schon über andere Berufe nachgedacht. Bei Johanna Perret war es Anwältin, Tutia Schaad studierte ein Semester Ökonomie und Psychologie. „Das könnte ich mir jetzt nicht mehr vorstellen“, sagt sie. Ihre Freundin lacht und schüttelt den Kopf. Doch das Interesse an diesen Bereichen hat mit Sicherheit auch nicht geschadet beim Aufbau des eigenen Unternehmens.

Mode für „Frauen, die ihr Ding machen“

Etwa die Hälfte ihrer Zeit, schätzt Johanna Perret, verbringen sie mit dem kreativen Teil ihrer Arbeit. „Wenn man positiv denkt.“ Der Rest ist Kommunikation, Organisation, Logistik, Bürokratie. „Unser Ziel war es nie, im Hinterhof das Atelier zu haben und vorne im Laden zu verkaufen“, sagt Johanna Perret. Die Produktion ihrer Kollektion und den Verkauf geben sie komplett ab. „Schneidern können andere besser. Und wir wollen in allen Bereichen die Besten haben.“

In vier Jahren haben die zwei jungen Frauen viel erreicht, am Ziel sind sie noch lange nicht. Ihr größter Wunsch: „Wir möchten mehr coole Frauen in unseren Sachen sehen“, sagt Tutia Schaad. „Ja. Frauen, die ihr Ding machen“, fügt ­Johanna Perret hinzu. Wie sie selbst

 

"Wir möchten mehr coole Frauen in unseren Sachen sehen."

Sarah Weik

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