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FEATURE

Falsche Hasen im Scheinwerferlicht

Wo neue Lichtsysteme für Autos entstehen

Falsche Hasen im Scheinwerferlicht

Wo neue Lichtsysteme für Autos entstehen

Normalerweise dürfen nur Entwickler und Kunden des Autozulieferers Hella in Europas größten Lichtkanal. Geht dort die Beleuchtung aus und gehen die Autoscheinwerfer an, geht aber auch dem Laien ein Licht auf.

„Der Hase bitte“, sagt Dr. Karsten Eichhorn höflich, aber bestimmt. Schon quert der Hase die Straße. „Bitte anhalten“, lautet die nächste Anweisung. Sofort bleibt der Hase in der Mitte der rechten Fahrbahn stehen – keine Zirkusdressur und auch kein Tierversuch, sondern eine der technischen Einrichtungen, mit denen die Hella KGaA Hueck & Co. die neuesten Scheinwerfer für Autos testet. Der „Hase“ ist ein graues Quadrat, das ein Mitarbeiter über ein Steuerpult bewegen kann. Dieses steht im Lichtkanal von Hella, seit mehr als 100 Jahren Spezialist für Autobeleuchtung und einer der drei Weltmarktführer. Draußen rollt der Autoverkehr durchs westfälische Lippstadt, drinnen lassen sich per Knopfdruck Autofahrer-Alpträume simulieren: Personen, die wie aus dem Nichts an den Fahrbahnrand treten, blendender Gegenverkehr, querende Tiere, eine Nebelwand, spiegelnde Regennässe – das alles bei immer gleichen Bedingungen, unabhängig von Tageszeit und Wetter.

140 Meter deutscher Durchschnittsstraße

„Das ist einzigartig in der Welt“, sagt Karsten Eichhorn, Leiter der Lichttechnik-Entwicklung bei Hella. „Der Lichtkanal ist als Entwicklungswerkzeug unersetzlich. Der quantitative Lichtstrom wird zwar im Labor gemessen, die Lichtverteilung wird aber subjektiv wahrgenommen. Das ist ein bisschen wie im Wohnzimmer, da richtet sich ja auch jeder individuell mit Leuchten ein.“ Deswegen kommen die Autohersteller, die zwar ihre Teststrecken haben, dennoch auch nach Lippstadt. Darüber hinaus kooperiert Hella mit Universitäten, deren Forscher den Lichtkanal für Studien nutzen können. Der langgezogene Flachbau wirkt im Vergleich zu den imposanten Backsteinbauten des Stammhauses gegenüber zunächst eher unscheinbar. Innen blickt man auf 140 Meter gerade Straße, die zwischen fünf Meter hohen, fensterlosen Betonwänden im Halbdunkel nach und nach fast verschwindet. Die Straße ist mit einem Belag asphaltiert, der in Färbung und Oberflächenbeschaffenheit dem Durchschnitt in der wirklichen Verkehrswelt möglichst nahekommt. „Es ist so etwas wie unser heiliger Rasen“, sagt Karsten Eichhorn lachend.

Tunnelblick: Dr. Karsten Eichhorn, Leiter der Lichttechnik-Entwicklung bei Hella, bei der Vorführung verschiedener Scheinwerfer im Lichtkanal. (Foto: Sarah Jonek)

Von den Käferaugen zum LED-Modul

Die Straße lässt sich mit verschiedenen Scheinwerfern, die an einem drehbaren Gestell angebracht sind, direkt nacheinander ausleuchten – mehr oder weniger: Die Glühlampe des guten, alten VW Käfer erscheint im Vergleich mit einem Halogen- oder Xenon-Scheinwerfer dann doch nicht mehr ganz so gut. Der kulleraugenförmige Käfer-Scheinwerfer von Hella kam 1960 auf den Markt und hatte zwei Funktionen: Das Umschalten zwischen den Wendeln einer Zwei-Faden-Lampe machte den Unterschied zwischen Abblend- und Fernlicht. Ein LED-System auf dem heutigen Stand ist vollgepackt mit Elektronik. Hat die Zwei-Faden-Glühlampe des Käfers fast die Größe und Form heute noch benutzter Glühbirnen, ist das Leuchtmittel in einem LED-Modul wenige Millimeter groß. Der direkte Wirkungsvergleich im Lichtkanal ist also natürlich nicht fair, zeigt aber die rasanten technischen Verbesserungen. Für diese sorgen bei Hella aktuell über 4.800 Beschäftigte im Bereich Forschung und Entwicklung, bei einer Gesamtzahl von rund 27.000 Mitarbeitern.

Dynamische Kamera-Systeme

Wie sich die Scheinwerfer zurzeit grundlegend ändern, kann Entwicklungschef Karsten Eichhorn im Lichtkanal eindrucksvoller als in jedem Werbefilm demonstrieren. Die Krux bei den Autoleuchten seit Jahrzehnten: Einerseits soll der Fahrer möglichst weit gut sehen, andererseits soll der Gegenverkehr nicht geblendet und sollen Anwohner innerhalb von Ortschaften nicht gestört werden. Die Lösung lange Zeit: Das Umschalten zwischen Abblend- und Fernlicht, wobei das Abblendlicht rechts, also auf der eigenen Fahrbahn, weiter reicht als links auf der Gegenfahrbahn. Moderne Scheinwerfer sind viel flexibler: Sobald Karsten Eichhorn ein blendfreies Fernlicht einschalten lässt, sind beide Fahrbahnen im Kanal ausgeleuchtet bis auf einen dunklen Fleck, der sich auf der Gegenfahrbahn heranbewegt – genau an der Stelle, an der im wirklichen Verkehr ein Auto entgegenkommen würde. Direkt davor und dahinter ist die Straße auch links optimal ausgeleuchtet. Eine Kamera erkennt den Gegenverkehr, die Scheinwerfer passen sich dynamisch an. Mehr noch: Die Systeme mit Kamera erkennen auch vorausfahrenden Verkehr oder mögliche Gefahrenobjekte, die dann gezielt angeleuchtet werden, selbst wenn sie sich bewegen. Eine weitere wichtige Entwicklung ist das Kurvenlicht, das bei Richtungswechseln die Sicht verbessert. Das steigende Durchschnittsalter der Autofahrer macht gutes Sehen bei Nacht noch wichtiger.

Sinkender Verbrauch, steigende Leistung

„Nächstes Jahr wird bei bestimmten Autoherstellern das blendfreie Fernlicht auf LED-Basis auf den Markt kommen“, kündigt Karsten Eichhorn an – Kundennamen könne er natürlich nicht nennen, fügt er mit einem Schmunzeln hinzu. In den nächsten Jahren werde sich außerdem der Wirkungsgrad der LED-Systeme noch erheblich verbessern und damit der Energieverbrauch sinken: Habe eine Halogenlampe 55 Watt, ein Xenonkolben 35 Watt und ein LED-Modul zurzeit noch 20 oder weniger Watt, werde man dann den einstelligen Wattbereich erreichen. Dies verringert wiederum den Spritverbrauch. Und während heutige Halogenlampen noch zu den Verschleißteilen zählen, die Fahrzeugbesitzer schon mal austauschen müssen, werden die LEDs künftig ein Autoleben lang halten. Neben Sicherheit und Umweltfreundlichkeit wird das Design immer wichtiger. Die LED-Technik hat dabei neue Möglichkeiten eröffnet, da sich mehrere Module unterschiedlich anordnen lassen. Die Autobauer wollen, dass ihre Marke auch im Dunkeln allein anhand der Scheinwerfer erkannt wird, ein bekanntes Beispiel ist die geschwungene Linie von Audi.

HELLA Matrix LED System

Vor der Nebelwand

Wichtigster Gesichtspunkt bleibt aber immer die Sicherheit. Welche gewaltigen Unterschiede es trotz gesetzlicher Standards auch bei aktuellen Lichtsystemen gibt, wird auch im Lichtkanal deutlich – zum Beispiel, wenn Karsten Eichhorn die Nebelwand herunterlässt. Das ist ein Spezialnetz, das die Sichtbehinderung bei Nebel simuliert. Der eine Nebelscheinwerfer wirft das Licht relativ niedrig durch das Netz hindurch, so dass die Straße dahinter zu sehen ist. Der andere leuchtet so hell und hoch auf das Netz, dass man eigentlich nur noch dieses sieht. Unterschiede, die über die Sicherheit derer, die im Auto sitzen, genauso entscheiden können wie über die der anderen Verkehrsteilnehmer. „Es lohnt sich, beim Fahrzeugkauf darauf zu achten“, sagt Karsten Eichhorn. In der Tat: Wer im Lichtkanal von Hella war, wird vor dem nächsten Autokauf eine Probefahrt bei Dunkelheit machen. Und das ist dann auch das größte Licht, das dem Besucher dort aufgeht.

Die Hella KGaA Hueck & Co. ist ein ­Familienunternehmen mit rund 27.000 Beschäftigten an 70 Standorten in mehr als 30 Ländern. Hella entwickelt und fertigt für die Automobilindustrie Komponenten und Systeme der Lichttechnik und Elektronik und verfügt über eine der weltweit größten Handelsorganisationen für KfZ-Teile, Zubehör, Diagnose und Serviceleistungen. Darüber hinaus gehört der Hella Konzern mit einem Umsatz von 4,8 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2011/12 zu den Top 50 der Automobilzulieferer weltweit sowie zu den 100 größten deutschen Industrieunternehmen.

Willmy PrintMedia produziert für Hella in den Jahren 2012/13 insgesamt 26 Kataloge in bis zu 9 Sprachen. Die Kataloge erreichen Umfänge mit bis zu 1.200 Seiten und Auflagen mit bis zu 50.000 Exemplaren je Ausgabe. Durch die bei Willmy vorhandenen großformatigen High-Volume-Rollenoffsetanlagen kann die Produktion dieser umfangreichen Katalogwerke mit einem hohen Aktualitätsgrad in jeweils kürzester Zeit erfolgen.

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