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History

Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich

Wie einige verdrehte Worte den Mauerfall anstießen

Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich

Wie einige verdrehte Worte den Mauerfall anstießen

Eine missglückte Pressekonferenz, eine folgenschwere Falschmeldung: Ohne die Medien wäre die Berliner Mauer vor 25 Jahren womöglich gar nicht gefallen. Eine Rekonstruktion des Dramas vom 9. November 1989.

Es waren nur zwei halbe Sätze, und sie passten noch nicht einmal richtig zusammen. „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“, stammelte Günter Schabowski am 9. November 1989 gegen 19 Uhr vor der versammelten Weltpresse. Damit brachte der SED-Funktionär einen Stein ins Rollen, der vier Stunden später die Mauer niederwalzte, zwölf ­Wochen später die SED und elf Monate später die ganze DDR. Ausgerechnet Schabowski, immerhin der ehemalige Chef­redakteur des SED-Parteiorgans „Neues Deutschland“. Wie konnte ihm das passieren, was der Zeithistoriker Hans-Hermann Hertle vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung den „Super-GAU in der Geschichte der Pressekonferenzen“ nennt?

 

Am Morgen des 10.11.1989 an der innerdeutschen Grenze: DDR-Bürger fahren vom Bezirk Erfurt ins Bundesland Niedersachsen. (Foto: imago/imagebroker)

„Abstimmung mit den Füßen“

Eigentlich hatte er an diesem Abend nur ein neues Reisegesetz ankündigen sollen – oder, SED-umständlich formuliert: die Absicht der Staatsführung, den Teil eines Reisegesetzes vorzuziehen, der die „ständige Ausreise“ regelt. Wohlgemerkt: regelt. Um zu verstehen, wie Schabowski ein solcher Schnitzer unterlaufen konnte, muss man sich vor Augen führen, unter welchem Druck die DDR-Führung an jenem 9. November bereits stand. Freiwillig hatte sie das Reisegesetz jedenfalls nicht erarbeitet. Wer „ständig ausreiste“, hatte nicht vor zurückzukommen, und das ­taten zehntausende DDR-Bürger im Sommer und Herbst 1989. Eine solche „Abstimmung mit den Füßen“ hatte die DDR zuletzt in den frühen Sechzigern erlebt. Damals, am
13. August 1961, hatte die SED die Mauer bauen lassen. Und nun, 28 Jahre später, liefen dem Arbeiter- und Bauern­staat schon wieder die Arbeiter und Bauern weg, trotz Mauer und trotz der acht Jahre Haft, die jeder riskierte, der beim „ungesetzlichen Grenzübertritt“ verhaftet wurde. Sie nahmen dafür Umwege in Kauf – über Ungarn und Österreich, über die westdeutschen Botschaften in Warschau und Prag oder die „Ständige Vertretung der BRD“ in Ost-Berlin (eine Botschaft unterhielt sie dort nicht, denn das hätte ja bedeutet, die DDR anzuerkennen).

Vielleicht nie die Welt sehen?

In jenem Sommer 1989 stand die DDR im Ostblock schon ziemlich allein da. In Polen beriet seit Februar der Runde Tisch über den Übergang zur Demokratie, Ungarn baute seine Grenzzäune zum blockfreien Österreich ab – und in Moskau verkündete Gorbatschow Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit). Das sowjetische Außenministerium erklärte die Breschnew-Doktrin für tot, die die Ostblockstaaten für unmündig erklärt hatte. Nun galt die „Sinatra-Doktrin“: I did it my way. Nur die DDR-Staatsführung verweigerte sich hartnäckig jeder Reform. „Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen“, verkündete Erich Honecker am 19. Januar 1989. Viele DDR-Bürger waren entsetzt. Gerade die jüngeren, die neuerdings mit „Gorbi“-Stickern herumliefen, tuschelten auf der Straße oder im Bus in vorsichtigen Halbsätzen: Erst mit 65 die Welt sehen? Vielleicht nie?

Überfüllte Botschaften

Der Gedanke an Flucht wurde attraktiver. Dass die Grenze zwischen Ungarn und Österreich Löcher bekommen hatte, war bekannt. Viele stellten nun Reiseanträge für einen Campingurlaub in Ungarn und reisten an – und über – die Grenze. Mitte September öffnete die ungarische Reform­regierung die Grenze zu Österreich komplett – sie hatte keine Lust mehr, für die DDR die Grenzpolizei zu spielen. Zehntausende Ostdeutsche machten rüber. Gleichzeitig liefen die westdeutschen Botschaften mit Flüchtlingen voll, allein in Prag waren es Ende September an die 5.000. Sie waren über die Zäune geklettert, nun wohnten sie in Zelten, standen stundenlang an provisorischen Toiletten an, prügelten sich mit vermeintlichen Stasi-Spitzeln.

Tagesschau am 9. November 1989: Die Nachrichten an diesem Abend trieben viele Menschen an die Mauer. (Foto: Screenshot Tagesschau)

„Keine Träne nachweinen“

Solche Nachrichten konnte die DDR-Führung nicht gebrauchen – sie steckte mitten in den Vorbereitungen zu ihrem 40. Jahrestag. Schließlich erlaubte sie den Botschaftsbesetzern die Ausreise in die BRD. Am Abend des 30. September erschien der westdeutsche Außenminister Genscher auf dem Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag und sprach: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ Weiter kam er nicht, der Rest ging im Jubel ­unter. Noch so ein unvollständiger Satz jener Tage. Insgesamt 17.000 Menschen reisten nun in die BRD – in versiegelten Wagen, durch die DDR. Stasi-Beamte nahmen ihnen die Pässe ab. Man werde ihnen „keine Träne nachweinen“, keifte die DDR-Zeitung „Neues Deutschland“.

„Wer zu spät kommt, …“

Anfang Oktober reiste Gorbatschow zur 40-Jahr-Feier der DDR, ertrug Erich Honeckers sozialistischen Bruderkuss und ließ ihn dann wissen: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Wenige Tage später, am 17. Oktober, sägte das SED-Politbüro Honecker ab. Der neue starke Mann hieß Egon Krenz, doch besonders stark war er nicht mehr: Krenz konnte allenfalls noch entscheiden, wohin er den Druck verlagern wollte. Und der Druck kam jetzt von ­allen Seiten, aus Leipzig, Prag und Berlin. Durch die offenen Grenzen in Ungarn (und inzwischen auch der Tschechoslowakei) hatten sich die Machtverhältnisse im Staate DDR dramatisch verschoben: Plötzlich konnten die Bürger, die nicht ständig ausreisen wollten, Forderungen stellen. Und eine wichtige hieß: Reisefreiheit.

Ein Grenzposten mit Ausweisen am 9. November vor 25 Jahren. Die Menschenmassen brachten die Grenzer letztlich dazu, die Übergänge zu öffnen. (Foto: imago/Detlev Konnerth)

Hunderttausende demonstrieren

Überall im Land schwollen die Demonstrationen an. In Leipzig demonstrierten Montag für Montag hunderttausende, und eine Million Menschen forderte am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz Reisefreiheit und beschimpfte die Partei. „Kaputte Städte, Wälder, Seen – SED, wir danken schön“, stand auf einem Plakat. In der Hoffnung, den Volkszorn noch lenken zu können, setzte das Politbüro Günter Schabowski auf die Rednerliste der Kundgebung. Er wurde ausgepfiffen. Auf Krenz’ Schreibtisch lag zudem ein Ultimatum der tschechoslowakischen Regierung: Die DDR solle sich mit ihren Grenzen schnellstens etwas einfallen lassen – entweder alle schließen oder die zur BRD öffnen.

Geheime Verhandlungen

Ein Reisegesetz musste her. Viel Zeit blieb dafür nicht, höchstens ein paar Tage. In geheimen Verhandlungen mit Bonn versuchten DDR-Gesandte noch hektisch (und vergeblich), die Mauer als Faustpfand einzusetzen: Reisefreiheit gegen Milliardenkredite. Die Mauer war „die letzte kreditwürdige Immobilie“ der bankrotten DDR, spotteten Zeitgenossen. Krenz wollte sich das Gesetz vom Zentral­komitee (ZK) der SED absegnen lassen, das Anfang ­November am Werderschen Markt tagte – heute ist dort das deutsche Außen­ministerium untergebracht. Beamte des Innen- und des Staatssicherheitsministeriums arbeiteten am Morgen des 9. November eine Übergangsregelung für die „ständigen Ausreisen“ aus; ein allgemeines Reisegesetz sollte folgen. Die Regelung sollte vor allem den Druck von den Grenzen nehmen.

Die Pressekonferenz mit dem Sekretär des ZK der SED für Informationswesen, Günter Schabowski, wurde live im DDR-Fernsehen übertragen. Entscheidend war außerdem, wie die schwer verständlichen Aussagen von den Westmedien interpretiert wurden. (Foto: Bundesarchiv/Thomas Lehmann)

Entscheidenden Satz übersehen

Aus heutiger Sicht mutet es absurd an, dass man eine Privatreise überhaupt erst beantragen musste, doch im November 1989 war schon der folgende Satz im Gesetzentwurf revolutionär: „Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen.“ Das Wort „unverzüglich“ muss Schabowski später bei der Pressekonferenz ins Auge gesprungen sein. So übersah er den Satz ganz am Ende seines Zettels: „Über die zeitweiligen Übergangsregelungen ist die ­beigefügte Presse­mitteilung am 10. November 1989 zu veröffent­lichen“ – also erst am nächsten Tag.

„Das wird der Knüller“

Zunächst aber ging der Text der Übergangsregelung an alle Ministerien der DDR – mit der Bitte, Änderungswünsche bis 18 Uhr zu äußern. Wer schwieg, stimmte zu. Nur konnten die zuständigen Minister gar nicht widersprechen, weil sie nicht an ihren Schreibtischen saßen – sondern in der ZK-Tagung. Dort trug Egon Krenz den Delegierten den Text am Nachmittag vor. Mehr als kosmetische Änderungen verlangte niemand – eine schriftliche Ver­sion lag aber auch niemandem vor. Schabowski bekam von der Debatte übrigens nichts mit – er habe draußen „mit Journalisten sprechen müssen“, erzählte er Jahre später in einem ­Interview. Um 17.45 Uhr wollte er zur Pressekonferenz aufbrechen. Da drückte Krenz ihm den Text der Übergangsregelung in die Hand. „Gib das bekannt, das wird der Knüller für uns“, soll Krenz zu ihm gesagt haben, erinnert sich Schabowski. Historiker Hertle bezweifelt das – ­immerhin zitiert das Protokoll aus der ZK-Sitzung Krenz mit dem Satz: „Was wir auch machen in dieser Situation, wir ­machen einen falschen Schritt.“

Nach diesen Ausführungen Schabowskis kam die Frage, wann die Regelung in Kraft trete. Er kratzte sich am Kopf und sagte die entscheidenden Worte. (Foto: Screenshot)

Die verwirrende Antwort

Fast eine Stunde lang referierte Schabowski über die Beschlüsse und Debatten des ZK, er verlor sich in Schachtelsätzen, langweilte die Journalisten mit büro­kratischen Details. Kurz vor Ende der Pressekonferenz stellte der italienische Journalist Riccardo Ehrman die entscheidende, etwas holprige Frage, die Schabowski das Signal gab: „Herr Schabowski, Sie haben von Fehler gesprochen. Glauben Sie nicht, dass es war ein großer Fehler, diesen Reisegesetzentwurf, das Sie haben jetzt vorgestellt vor wenigen Tagen?“ Damit meinte er einen älteren Entwurf vom 6. November, den die Montagsdemonstranten schon lauthals abgelehnt hatten. Schabowski antwortete verschwurbelt und mit „Ähs“ durchsetzt. Hier seine Antwort in Auszügen.

Der berühmte Satz

Die Journalisten waren verwirrt, Fragen prasselten auf Schabowski ein: „Mit Pass?“, „Gilt das auch für West-­Berlin?“, „Wann tritt das in Kraft?“ Schabowski kratzte sich am Kopf, blätterte in seinen Unterlagen – und dann sagte er seinen berühmten Satz: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Unverzüglich. Und nicht, wie auf seinem Zettel ausdrücklich stand, am ­nächsten Tag. „Der muss total verrückt sein!“, entfuhr es einem entsetzten DDR-Funktionär in einem Telefonat. Ohne das Wort „unverzüglich“ hätte die nun folgende Nacht wohl keine solche Dynamik entwickelt.

"Nein, das glaube ich nicht, äh, wir wissen um diese Tendenz in der Bevölkerung, um dieses Bedürfnis der Bevölkerung, zu reisen oder die DDR zu verlassen. Und, äh, wir haben die Überlegung, dass wir alle Dinge, die ich hier vorhin beantwortet habe oder zu beantworten versucht habe (...), nämlich eine komplexe Erneuerung der Gesellschaft, äh, zu bewirken und dadurch letztlich durch viele dieser Elemente, äh, zu erreichen, dass Menschen sich nicht genötigt sehen, in dieser Weise ihre persönlichen Probleme zu bewältigen. (...) Also, die Aufnahmekapazität der BRD ist im Grunde erschöpft. (...) Äh, die Unterbringung ist aber das Geringste für den Aufbau einer Existenz. Entscheidend, wesentlich ist das Finden von Arbeit, ja, und die notwendige Integration in diese Gesellschaft, die weder dann gegeben ist, wenn man in einem Zelt haust oder in einer Notunterkunft oder als Arbeitsloser dort rumhängt. Also, wir wollen durch eine Reihe von Umständen, dazu gehört auch das Reisegesetz, die Chance also der souveränen Entscheidung des Bürgers zu reisen, wohin er will. Äh, wir sind natürlich, äh, besorgt, dass also die Möglichkeit dieses Reisegesetzes - es ist ja immer noch nicht in Kraft, es ist ja ein Entwurf. Allerdings ist heute, soviel ich weiß, eine Entscheidung getroffen worden. Es ist eine Empfehlung des Politbüros aufgegriffen worden, dass man aus dem Entwurf des Reisegesetzes den Passus herausnimmt und in Kraft treten lässt, der - wie man so schön sagt oder so unschön sagt - die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik. (...) Und deshalb, äh, haben wir uns dazu entschlossen, heute, äh, eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR, äh, auszureisen."

Ereignisse überschlagen sich

Nach der Pressekonferenz war Schabowski völlig erledigt. Dass er zu einem „Werkzeug der Geschichte“ geworden war, wie er Jahre später sagte, merkte er nicht – ja, nicht einmal, was in den nächsten Stunden geschah. Er ließ sich in sein Haus nach Wandlitz fahren. Nun schlug die Stunde der Westmedien – sie mussten interpretieren, was Schabowski wohl gemeint hatte. Und sie waren es, die letzten Endes den Mauer­fall „maßgeblich beförderten, ja sogar herbeiführten“, schreibt Hans-Hermann Hertle. Gleich nach der Pressekonferenz meldeten die westlichen Nachrichtenagenturen, die DDR öffne ihre Grenze zur BRD. In der „Tagesschau“ um 20 Uhr hieß es, die Mauer würde „über Nacht durchlässig“. Eine weitere Stunde später verkündeten einige Sender, die Grenze sei bereits geöffnet worden. Die ersten Berliner tauchten an den Grenzübergängen auf: an der Bornholmer Straße, der Sonnenallee oder am Brandenburger Tor. Sie wollten schauen, ob es stimmte, was sie im Fernsehen und im Radio gehört hatten. Doch noch war die Grenze zu.

„Tor auf!“

In den ARD-„Tagesthemen“ sagte Hanns Joachim ­Friedrichs um 22.42 Uhr: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Das war zu diesem Zeitpunkt noch nicht wahr – wohl aber eine Prophezeiung, die sich nicht einmal eine Stunde später selbst erfüllte. Manche Historiker weisen deshalb nicht Schabowski die entscheidende Rolle beim Mauerfall zu – sondern Friedrichs. Denn nun kamen zehntausende Menschen zu den Grenzübergängen und forderten lautstark: „Tor auf!“ Die Grenzer entschieden schließlich: „Wir fluten jetzt.“ Ein Menschenstrom ergoss sich in den Westteil der Stadt – lachend, weinend, jubelnd, singend. Wildfremde lagen sich in den Armen, später in der Nacht erklommen sie die Mauer und tanzten darauf bis zum nächsten Morgen. Kaum fünf Stunden nach Schabowskis Super-GAU war ­einem Oberst der Volkspolizei schon klar: „Das ist der Untergang der DDR.“ 327 Tage später gab es sie nicht mehr.

Hans-Hermann Hertle hat mit der „Chronik des Mauerfalls“ (Ch. Links Verlag) und „Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates“ (VS Verlag für Sozialwissenschaften) zwei Standardwerke zu den Ereignissen rund um den 9. November 1989 geschrieben.

 

Daniel Kastner

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