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INTERVIEW

„Manchmal sagt gebannte Stille mehr als frenetischer Beifall.“

Medien, Menschen, Politik: Moderator Frank Plasberg über seine beliebte ARD-Talkshow "hart aber fair".

„Manchmal sagt gebannte Stille mehr als frenetischer Beifall.“

Medien, Menschen, Politik: Moderator Frank Plasberg über seine beliebte ARD-Talkshow "hart aber fair".

TV-Moderator Frank Plasberg über seine vielfach ausgezeichnete Talkshow, die Bedeutung des Publikums und seine Körpersprache in der Sendung.

Herr Plasberg, Sie sind seit Jahren einer der profiliertesten Journalisten in Deutschland und, wenn man so will, einer der wichtigsten Fragensteller. Erinnern Sie sich an eine Frage, die Sie bereut haben?
Ich habe Ursula von der Leyen vor Jahren einmal sinngemäß gefragt, wie Sie Ihr Ministeramt mit der Erziehung von sieben Kindern vereinbaren kann. Es hat Jahre gebraucht, bis sie danach wieder zu „hart aber fair“ gekommen ist.
Wurde Ihnen mal eine Frage gestellt, die Sie besonders gut fanden? Was haben Sie geantwortet?
Vor vielen Jahren hat mich mein damaliger Chefredakteur gefragt: Können Sie sich vor­stellen, einen frei gewordenen Sendeplatz im WDR-Fernsehen zu füllen? Ich habe erstmal ja gesagt. Und mich dann mit einem tollen Team an die Arbeit gemacht. Am Ende ist „hart aber fair“ dabei heraus­gekommen.
Sie kennen die Medienlandschaft in Deutschland aus unterschiedlichen Perspektiven: Ihr Polittalk „hart aber fair“ wird live aus Köln oder Berlin gesendet, Ihre Produktionsfirma ist in Düsseldorf. Könnten Sie die drei Medienstandorte jeweils charakterisieren, auch im Vergleich?
Sie haben Wülfrath vergessen, wo „hart aber fair“ angefangen hat. Wir sind ja so eine Art Wanderzirkus und froh darüber, in allen drei Städten gute Produktionsbedingungen vorzufinden. Also: Berlin ist wichtig. Köln ist gelassen. Und Düsseldorf hat eine gute Autobahnanbindung. So, jetzt habe ich als Kölner wieder das Klischee bedient. Ernsthaft: Wenn Köln eine aufstrebende – und anbauende – Produktionsfirma so professionell und schnell unterstützen würde, wie das Düsseldorf bei uns gemacht hat, dann könnte sich Köln seine Gelassenheit sogar leisten.
Wo fühlen Sie sich am wohlsten?
Mein Zuhause ist Köln. Dort fühle ich mich mit meiner Familie sehr wohl. Und dann ist da noch meine Sehnsuchtslandschaft, das württembergische Allgäu. Dort war ich Volontär, und ich fahre noch immer gerne dorthin.
Frank Plasberg und Gäste während einer Ausgabe seiner montäglichen Talkshow „hart aber fair“. Anders als manche seiner Kollegen steht der Moderator während der Sendung – im Interview erklärt er, warum das hilfreich sein kann. (Foto: WDR/Oliver Ziebe)

„Mein Zuhause ist Köln.“

Sie wollen mit den drei Standorten Distanz zum politischen Betrieb in Berlin halten. Reicht dazu der Ortsunterschied? Allein „hart aber fair“ moderieren Sie seit 2001, haben laufend Politiker zu Gast.
Früher war mir die räumliche Distanz zum politischen Berlin wichtig – aber die haben wir draußen in Adlershof ja auch. Mittlerweile hat sich die Sorge, vom Hauptstadtbetrieb aufgesogen zu werden, bei mir völlig gelegt. Ein Talkshow-Moderator ist nicht so wichtig, dass Politiker seine Nähe suchen, um ihre Karriere zu befeuern – auch das ist eine Erkenntnis von über einem Jahrzehnt „hart aber fair“.
Herrscht nicht zwangsläufig auch immer ein Geben und Nehmen zwischen Medien und Politik? Wo ziehen Sie die Grenze?
Natürlich: In dem Moment, in dem ich einen Gast einlade, gebe ich ihm Aufmerksamkeit – und umgekehrt nutzen wir seine klugen Argumente und seine Prominenz, um eine gute Sendung zu machen. Das war es aber auch schon. Ob Sie es glauben oder nicht: Man kann durchaus eine politische Talkshow ohne Nebenabsprachen und Gegengeschäfte machen.
Anhand welcher Medien informieren Sie sich?
Süddeutsche und Bild jeden Tag. F.A.S., Spiegel und BamS am Wochenende. Dazu Spiegel Online, andere Online-Dienste – und ARD und ZDF schaue ich natürlich auch.
Haben Sie dabei noch gern Papier in der Hand oder bevorzugen Sie digitale Ausgaben?
Ich nutze beides.
Sie veröffentlichen nach der Sendung einen „Faktencheck“, in dem Aussagen der Talkgäste geprüft werden. Stellen Sie viele falsche oder zumindest fragwürde Behauptungen fest?
Durchaus. Es kommt ja auch oft genug vor, dass Aussage gegen Aussage steht – und dann kann manchmal nur ein Gast recht haben. Es wäre aber falsch, daraus abzuleiten, dass Zuschauer bewusst getäuscht werden – im Eifer einer Live-Diskussion geht schnell mal etwas durcheinander. Insofern soll der Faktencheck kein Pranger sein. Und manchmal müssen auch wir uns einem neuen Faktencheck beugen.
Müssen Sie sich manchmal auf die Zunge beißen, weil Sie persönlich anderer Meinung sind als ein Gast?
Ein Moderator sollte nicht mitdiskutieren, auch wenn mir das ab und zu mal passiert. Tatsächlich ist es aber so, dass ich zu vielen Themen keine festgefügte Haltung habe. Am besten ist es immer, wenn man am Ende einer Sendung selbst überrascht ist. Vielleicht auch irritiert durch neue Aspekte zu einem Thema.
Vor über einem Jahr haben Sie beschlossen, dass Sie Ihre Gäste nicht mehr mit anonymen Kommentaren aus dem Netz konfrontieren. Welche Veränderungen stellen Sie seitdem fest?
Ich halte die Entscheidung nach wie vor für richtig. Unsere Gäste sitzen mit ihrem Gesicht in unserer Sendung – und deshalb ist es nur fair, wenn auch die Zuschauer ihre Kritik mit offenem Visier üben. Wenn man sich unser Gästebuch und unsere Facebook-Seite anschaut, muss man leider sagen, dass noch nicht alle Zuschauer diesen Fairness-Grundsatz beherzigen. Im Übrigen: Es ist tatsächlich so, dass anonyme Kommentare meistens nicht zu den qualitativ hochwertigsten gehören.
Haben Sie schon einmal eine Verfasserin oder einen Verfasser eines Kommentars in die Sendung eingeladen?
Das kommt vor. Gerade bei Gesundheits- oder Pflege-Sendungen schreiben uns viele Betroffene – und die kontaktieren wird dann auch.
Wie wichtig sind die Reaktionen des Studiopublikums für Ihre Sendung?
Sehr wichtig. Jede Sendung hat ihre eigene Atmosphäre, zu der auch das jeweilige Publikum beiträgt. Es muss dabei gar nicht immer Arena-Stimmung herrschen. Manchmal sagt gebannte Stille mehr als frenetischer Beifall. Aber kaum etwas ist schlimmer, als vor 100 toten Augenpaaren zu moderieren.

„Ein Moderator sollte nicht mitdiskutieren.“

Lesen Sie Kritiken nach Ihren Sendungen?
Ja. Warum nicht? Da macht sich ja auch jemand Mühe.
Manche Ihrer Kollegen sitzen in ihren Talkshows – Sie stehen und stellen sich auch mal direkt vor Ihre Gäste. Welche Rolle spielt Körpersprache für Sie?
Sie hilft mir. Dass man „hart aber fair“ nachsagt, mehr Struktur und weniger Durcheinander zu produzieren, liegt vielleicht auch daran, dass ich im Notfall den Dompteur geben und meinen Platz verlassen kann.
Ein Merkmal von „hart aber fair“ sind die Einspieler, die das Gespräch lenken – inwieweit ziehen Sie während der Sendung einen Plan durch?
Einen Plan gibt es immer – aber die Planerfüllung allein sagt nichts darüber, ob es eine gute Sendung war. Meine Aufgabe ist es, live zu entscheiden, wann es besser ist, diesen Plan beiseitezulegen und die Diskussion laufen zu lassen.
Haben Sie einen Vorschlag, wie die politische Debatte im Parlament für die Wähler interessanter würde?
Mehr Schlagabtausch wäre schön. Weniger Floskeln auch. Aber klar ist auch: Das Parlament ist keine Arena. Die Abgeordneten sind schließlich nicht gewählt worden, um eine Show abzuliefern.
Sie moderieren neben journalistischen Formaten auch Unterhaltungsshows. Was ist Ihnen wichtiger?
„hart aber fair“ bleibt mein Standbein, die Shows sind das Spielbein – und eine willkommene Abwechslung vom Tagesgeschäft.
Laut aktueller ARD-ZDF-Onlinestudie nutzen junge Menschen das Internet inzwischen weitaus länger als das Fernsehen. Sehen wir Sie eines Tages auf einem YouTube-Kanal?
Ich bezweifle, dass ich mit 57 Jahren noch ein YouTube-Star werde – zumindest nicht mit dem, was ich bisher gemacht habe. Aber danke für den Hinweis, vielleicht ist das ja noch ein lohnendes Ziel …
Die Bundesregierung will dieses Jahr mehr Studienabbrecher in Ausbildungen vermitteln. Wie beurteilen Sie Ihren Studienabbruch im Nachhinein? Was raten Sie jungen Menschen, die in der Medienbranche arbeiten wollen?
Auf die Gefahr hin, dass jetzt ausgerechnet der Studienabbrecher den Spießer gibt, rate ich jungen Leuten: Lernt etwas Ordentliches, schließt es ab – und seid Euch bewusst, dass die Medienbranche viel Arbeit und wenig Sicherheit bedeutet.

Seit 2001 moderiert Frank Plasberg „hart aber fair“ und erhielt seither mehrere wichtige Medienpreise wie den Deutschen Fernsehpreis, den Adolf-Grimme-Preis und den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. Das journalistische Handwerk lernte er als Volontär bei der „Schwäbischen Zeitung“, danach arbeitete er als Polizeireporter und Redakteur der „Abendzeitung“ in München. Beim WDR übernahm er 1993 die Redaktionsleitung der „Aktuellen Stunde“, bevor er sich mit „hart aber fair“ und später anderen ARD-Sendungen wie „Brennpunkten“ und „Quiz der Deutschen“ ganz der Arbeit als Moderator zuwandte.

Die Fragen stellte Samuel Heller aus der Radaktion des willmy magazins.

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