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Digitalisierung

„Die Transformation hat erst begonnen.“

Seine Mitarbeiter schützen Daten von 2,5 Millionen Mittelständlern. DATEV-Chef Dr. Robert Mayr spricht im Interview über Sicherheit in Zeiten der Cloud.

„Die Transformation hat erst begonnen.“

Seine Mitarbeiter schützen Daten von 2,5 Millionen Mittelständlern. DATEV-Chef Dr. Robert Mayr spricht im Interview über Sicherheit in Zeiten der Cloud.

Zwischenzeitlich belächelte man die DATEV für ihr Rechenzentrum – heute setzen alle auf nichts anderes: die Cloud. Ein Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Robert Mayr.

Herr Dr. Mayr, als neuer DATEV-Chef sprechen Sie häufig über die „digitale Transformation“. Was verstehen Sie darunter?
Cloud Computing, Big Data Analytics, Cognitive Computing und Intelligente Netze treffen auf immer vielfältigere, kompaktere und leistungsfähigere Endgeräte. Die Transformation hat erst begonnen und wird über weitere Vernetzung und Automatisierung ganze Lebensbereiche umkrempeln – es geht nur noch um das Wann. Wie sich Wirtschaftsbereiche in kurzer Zeit grundlegend verändern, zeigt das Beispiel Handel. Ähnliche Tendenzen beobachten wir derzeit bei Banken, die zunehmend den Druck moderner Finanztechnologie-Unternehmen spüren, oder bei Versicherungen. Für die Wirtschaft führt die digitale Transformation entweder zu neuen Geschäftsfeldern oder sie hilft, die Effizienz des bestehenden Geschäfts zu steigern – durch schlankere Abläufe, aber auch durch die Konzentration auf das Kerngeschäft.
Was bedeutet diese digitale Transformation für die DATEV und ihre Kunden?
Wir fungieren als Datendrehscheibe zwischen unseren Mitgliedern, den Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten, deren Mandanten, also den Unternehmern, sowie den Behörden und Institutionen. Deshalb sehen wir es als unseren Auftrag, gemeinsam mit unseren Mitgliedern die einzelnen Prozessschritte im kaufmännischen Bereich konsequent in einen medienbruchfreien, digitalen Gesamtprozess einzubinden. Das bedeutet eine massive Effizienzsteigerung, Kostenersparnis und die Chance auf automatisierte, umfassende Auswertungen zur Unternehmenssteuerung. Außerdem ist die Integration geschäftlicher IT-Systeme ein weiteres wichtiges Feld. Unterschiedliche Datenquellen und Systeme müssen zusammenarbeiten. Für Insellösungen und Silodenken ist da kein Raum. Deshalb haben wir unser System für Daten anderer Cloud-Systeme und für branchen- und kundenspezifische Softwarelösungen anderer Hersteller geöffnet.
Im Programm „DATEV 2025“, das Sie als neuer Vorstandsvorsitzender aufgesetzt haben, heißt es: „Cloud first“. Warum ist das für Sie so wichtig?
In der Cloud sehen wir das Software-Nutzungsmodell der Zukunft. Für die digitale Transformation ist es prädestiniert. Denn Integrationsfähigkeit und Offenheit bedingen vor allem eins: eine stabile Basis auf einer sicheren Plattform. Das ist unsere DATEV-Cloud, technisch betrachtet also unser Rechenzentrum. Für das Festhalten am Rechenzentrum wurden wir zeitweise belächelt. Heute profitieren wir aber wieder erheblich von der jahrzehntelangen Erfahrung damit.

Die Nürnberger DATEV eG hat über 40.000 Mitglieder – Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte – und verwaltet als deren Genossenschaft die Daten von 2,5 Millionen Mittelständlern in Deutschland.

Im Auftrag der DATEV betreibt die Integrated Realization Services GmbH seit vielen Jahren die Web-to-Print-Anwendung DATEV E-Print. Mit dieser können die Kanzleien von Visitenkarten bis zu mehrseitigen Mandantenzeitschriften alle Drucksachen erstellen, die sie brauchen – ohne Fachkenntnisse im Medienbereich zu benötigen.

Welchen Vorteil hat die Cloud?
Über einen sicheren Zugang können die verschiedenen Akteure mit unterschiedlichen Berechtigungen auf Daten und Anwendungen zugreifen. So können beispielsweise Unternehmer Belege generieren, Steuerberater bilanzieren und die Finanzämter die Meldungen einsehen. Das ermöglicht unter anderem automatisierte Datenmeldungen an das Finanzamt oder den vertraulichen Austausch von Überweisungen und Kontoauszügen mit Banken.
Und was haben Ihre Mitglieder und deren Kunden davon?
Der Trend zur Automatisierung betrifft zunehmend auch die kaufmännischen Prozesse in den Unternehmen. Wer diese Prozesse durchgängig digitalisieren und automatisieren will, braucht einen Begleiter, der vertrauenswürdig ist und über tiefgehende Fachkompetenzen verfügt. Da ist der Steuerberater der natürliche Partner. Hinzu kommt, dass er das Unternehmen in der Regel bereits sehr gut kennt. Die DATEV-Cloud ist dabei die optimale Plattform für beide Partner.
Als wir für dieses Magazin vor fünf Jahren mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Prof. Dieter Kempf sprachen, beanstandete er ein mangelndes Bewusstsein für die IT-Sicherheit bei kleineren und mittleren Unternehmen. Wie ist Ihre heutige Einschätzung?
Die Digitalisierung nimmt Fahrt auf, aber die Anstrengungen für IT-Sicherheit halten nicht Schritt. Über die Hälfte der deutschen Unternehmen sind in den letzten zwei Jahren Opfer von digitalen Angriffen geworden. Der dabei entstandene Schaden beläuft sich nach konservativen Schätzungen auf etwa 51 Milliarden Euro. Dabei müssen wir von einer riesigen Dunkelziffer ausgehen, denn laut einer Studie des Branchenverbands Bitkom melden nur 20 Prozent der Unternehmen Industriespionage oder Datendiebstahl den Behörden.
Sind sich die Unternehmen der Gefahren nicht bewusst?
Das ist gar nicht das Problem: Laut einer aktuellen Umfrage der International Data Group unter 500 Mittelständlern fordern 80 Prozent der Befragten mehr Geld für IT-Sicherheit, 30 Prozent erachten eine Budgeterhöhung für unerlässlich. Aber: Nur 29 Prozent der Unternehmen werden in den nächsten zwölf Monaten sicher das Budget für IT-Sicherheit erhöhen. Das größte Risiko für die Unternehmen ist mit Technik allein auch nicht zu minimieren: die Mitarbeiter. Jeder fünfte registrierte Cyberangriff gehört in die Kategorie Social Engineering. Die Angreifer nutzen dabei den Mitarbeiter als „soziale Schwachstelle“ im Sicherheitskonzept. Es wäre wünschenswert, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter stärker für die bekannten Tricks sensibilisieren.
Wie wird sich das Thema Mobility weiterentwickeln?
Mobility hängt eng mit der zunehmenden Bedeutung der Cloud zusammen. Denn sie ermöglicht prinzipiell Zugriff von überall mit möglichst jedem digitalen Endgerät. Moderne Apps verknüpfen die Cloud sicher mit mobilen Geräten. So können Daten und Funktionen in nahezu jedem Winkel der Welt genutzt werden – zumindest bei entsprechender Netzabdeckung. Die in manchen Regionen noch fehlende Breitbandabdeckung ist der einzige Hemmschuh.
Ohne Krawatte: Für Dr. Robert Mayr ist die Lockerung des Dresscodes bei der DATEV auch Ausdruck eines offeneren Denkens. (Foto: DATEV)
Wie löst die DATEV das Sicherheitsproblem?
Ein Beispiel ist „DATEV Upload mobil“. Mit dieser App können Quittungen und Belege von jedem Ort einfach in die Cloud transferiert werden, wo die Daten automatisch den weiterverarbeitenden Anwendungen zur Verfügung stehen. Geschäftliche Daten sollten aber nie ungeschützt durch das Netz wandern. Bei „Upload mobil“ lösen wir dieses Problem mit einer zusätzlichen Sicherheits-App, wir nennen das SmartLogin. Diese App virtualisiert gewissermaßen die Funktionalität einer Smartcard und ist vom Sicherheitsniveau auch mit einer physischen Smartcard vergleichbar. Dabei ist das Verfahren so einfach zu handhaben wie ein Login mit Benutzername und Passwort.
Die DATEV hat über 7.000 Mitarbeiter und ist Deutschlands zweitgrößter Arbeitgeber in der Softwareentwicklung. Gerade in der IT-Branche sind Fachkräfte knapp. Wie gewinnen Sie gute Leute?
IT-Experten werden heute von praktisch allen Unternehmen gesucht. Daher ist es entscheidend, als Arbeitgeber mit klarem Profil – einer „Arbeitgebermarke“ – zu punkten. Dabei muss die Außendarstellung übereinstimmen mit dem, was die Mitarbeiter in der Arbeit erleben. Denn Bewerber informieren sich heute intensiv und können schnell herausfinden, ob die Hochglanzbroschüren mit der Realität übereinstimmen. Beim Recruiting ist heute nicht der erfolgreich, der eine attraktive Stellenausschreibung schaltet. Erfolgreich ist das Unternehmen, das bei potenziellen Arbeitnehmern präsent ist, das viele Kontaktpunkte bietet – online wie offline. Wir sprechen daher sehr aktiv Menschen an, auf Veranstaltungen, in den sozialen Netzwerken, an Schulen und Universitäten.

„Wir sind dabei, einen neuen Spirit zu entwickeln.“

Der Claim des Unternehmens lautet „Zukunft gestalten. Gemeinsam“. Wie fördert die DATEV das Potenzial ihrer Beschäftigten?
Motivation entsteht durch Zufriedenheit mit der allgemeinen, aktuellen Lebenssituation – die sich über die Jahre stetig verändert. Deswegen ist das Ziel, den Mitarbeitern über die vielen Jahre der Betriebszugehörigkeit die Möglichkeit zu bieten, berufliche und private Anforderungen immer wieder abzustimmen, sich weiterzuentwickeln und im Unternehmen verschiedene Karrierepfade einzuschlagen.
Wie wird dieses Ziel umgesetzt?
Ein Schlüssel dazu ist Weiterbildung. Unser Programm ist umfassend und wird sehr gut genutzt: über 600 Kurse, 42.000 Weiterbildungstage in 2015, eine eigene Bibliothek, 200 Freizeitlernkurse. Ein sehr spannendes Modell sind unsere „Communities of Practice“: Dort treffen sich Kollegen, die ein Thema verbindet. Es findet gegenseitige Beratung statt, der „Blick über den Tellerrand“ oder einfach Geselligkeit. Mittlerweile gibt es über 20 Communities allein in der Entwicklung.
Auf dem Ludwig Erhard Symposium im November 2016 hat die DATEV ein Projekt zur Neuorganisation des Vertriebs vorgestellt, bei dem Mitarbeiter und Studierende involviert waren. Ist dies ein zukunftsweisendes Konzept?
In Abwandlung eines alten ITler-Spruchs habe ich mir das Motto „better run a changing system“ zu eigen gemacht. Dafür ist auch der Blick von außen wertvoll. Daher bewerte ich das Projekt als zukunftsweisend. Das Top-Management präsentierte dabei die Herausforderungen der Personal- und Organisationsentwicklung in einem laufenden Change-Prozess einer Gruppe von Masterstudenten. Im Sinne einer studentischen Unternehmensberatung halfen diese, passende Lösungskonzepte zu entwickeln. Die externen Anregungen flossen dann in die aktuelle Organisationsentwicklung ein, auch wenn aufgrund eines zeitlichen Engpasses in diesem Fall keines der studentischen Konzepte komplett umgesetzt wurde. Aber die Reflexion vor der externen Zielgruppe war sehr hilfreich und der Ansatz hat sich als tauglich erwiesen.
Im Silicon Valley tragen die Chefs Kapuzenpulli, Sie in einem Unternehmensvideo auch mal Polohemd. Verschiebt sich auch in Nürnberg der Dresscode?
Im Kapuzenpulli würde ich unseren Kunden nicht gegenübertreten, aber Sie haben richtig beobachtet, dass wir den Dresscode bei DATEV gelockert haben. Wenn Sie mich in jüngerer Zeit auf Veranstaltungen auf der Bühne gesehen haben, dann meist ohne Krawatte. Wir sind dabei, einen neuen Spirit zu entwickeln und ermutigen unsere Mitarbeiter, offener und über Konventionen hinweg zu denken. Außerdem haben wir wie gesagt auch in unserem Auftritt am Markt eine Öffnung vollzogen. Beides kommt für mich zum Ausdruck, wenn ich nicht ganz so „zugeknöpft“ auf die Leute zugehe.
Wo können Sie persönlich auf „Digitalisierung“ verzichten?
Ich schätze die Möglichkeiten der Digitalisierung sehr. Aber beim Lesen bin ich altmodisch und habe lieber ein richtiges Buch statt ein E-Book in der Hand – am besten mit dem Sand vom letzten Strandurlaub zwischen den Seiten.
Samuel Heller

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