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Trend

Craft Beer – da braut sich was zusammen

Reinheitsgebot für Bier – ein Mythos bröckelt

Craft Beer – da braut sich was zusammen

Reinheitsgebot für Bier – ein Mythos bröckelt

Craft Beer gibt es seit über 40 Jahren in Amerika, nun hat es seinen Weg nach Mitteleuropa gefunden. Aber wie verträgt sich diese Bewegung mit dem deutschen Reinheitsgebot, dessen 500-jähriges Bestehen aktuell gefeiert wird?

Im Ausschankraum sitzen schon die ersten Gäste, es riecht nach Malz und frischem Hopfen. Durch die Glaswand fällt der Blick auf das Sudhaus. Die großen Kessel und das monotone Surren lassen erahnen, was hier entsteht. Braumeister Jörg Binkert produziert hier neben den traditionellen Biersorten wie Pils und Weizen auch zwei „Craft Beer“-Sorten – das Amber und das Porter. Der Begriff „Craft Beer“ kommt aus den USA und hat sich durch kleine, handwerklich arbeitende Mikrobrauereien entwickelt. Das bernsteinfarbene Amber erinnert an Blutorange und Grapefruit, wobei der Geschmack nur durch die fränkischen Aromahopfensorten geprägt wird. Das Porter, ein sehr dunkles und malziges Bier, enthält Noten wie Haselnuss und Kaffee, die ebenfalls von den Aromahopfen stammen.

Jörg Binkert hat im oberfränkischen Breitengüßbach das Brauhaus Binkert gegründet, seine Marke „Main Seidla­“ hat sich innerhalb weniger Jahre in einer Region etabliert, in der die Brauereidichte weltweit die höchste ist. Der Trend zum Craft Beer führte hierzulande in den vergangenen Jahren zu einem Brauerei-Gründungsboom, die Nachfrage nach regionalen Bieren ist wieder gestiegen. Dank des neuen Phänomens wird laut Jörg Binkert wieder vermehrt positiv über das Thema Bier gesprochen. In den vergangenen Jahren hatte die Branche mit Diskussionen um übermäßigen Alkoholkonsum zu kämpfen.

Regional als neues Gebot

Gebraut wird in den neuen Kleinbrauereien aber nicht nur unter Einhaltung des deutschen Reinheitsgebots. Dieses älteste Lebensmittelgesetz der Welt feiert 2016 sein 500-jähriges Bestehen. Es schreibt vor, dass ausschließlich Gerste, Hopfen und Wasser zum Brauen verwendet werden dürfen. Was viele nicht wissen: Es gibt immer mehr Ausnahmen, wie Jörg Binkert augenzwinkernd verrät. Denn vor allem außerhalb Bayerns werden immer mehr Genehmigungen erteilt, besondere Biere zu brauen, in jüngerer Zeit eben vor allem Craft Beer. Jörg Binkert, hauptberuflich Leiter der Forschung und Entwicklung beim Hersteller von Brauereimaschinen Kaspar Schulz und seine Frau legten sich von Anfang an ein eigenes „fränkisches Reinheitsgebot“ auf. „Wir produzieren nur regional. Vom Hopfen und Malz über das Etikett, von der Flasche und dem Kronkorken bis hin zur Energie, alles stammt aus der Gegend“, erzählt er. Dabei war der Strom die größte Herausforderung, aber auch der kommt aus Bayern, von den Windrädern auf den Jurahügeln. Jörg Binkert ist überzeugt: „Wo die Familie und die Philosophie passen, funktioniert auch das Geschäft dahinter.“

Meterweise Bier: Christian Klemenz bietet in seinen Bierotheken die Vielfalt der Craft Beers inklusive Beratung zu den ungewohnten Geschmacksrichtungen. (Foto: Martin Rehm)

Vom Hobby zur Profession

In den 1970er und 1980er-Jahren gab es in den Vereinigten Staaten nur noch knapp 90 Brauereien, von denen sechs den Markt dominierten. Um das zu ändern, fingen kleine Brauereien und Hobbybrauer an, ihr eigenes Bier herzustellen. Diese Szene professionalisierte sich über die vergangenen Jahrzehnte. Dabei entdeckte sie vor allem alte Braustile wieder und entwickelte sie weiter. Ein Beispiel ist das IPA, das India Pale Ale, eine beliebte „Craft Beer“-Sorte, die auf englische Art hopfenintensiv gebraut wird. Eine sehr fruchtige Note kann im Bier bei der Verwendung von Aromahopfen entstehen, wie beispielsweise Mango-Hopfen, der seinen Namen wegen seines Geschmacks erhalten hat. Aromahopfen enthalten weniger Bitterstoffe als herkömmliche Hopfensorten, dadurch bleiben die verschiedensten Aromen im Bier erhalten. Mit solchen Rohstoffen entstand auch das St. Erhard, eines der ersten deutschen Craft Beers, das der Brauer Christian Klemenz seit 2011 in drei verschiedenen Sorten verkauft. Das „Original“ ist ein klassisches fränkisches Kellerbier, das „Saison“ ein Craft Beer, das nach belgischer Art gebraut wird und das „Farmer“ produziert Christian Klemenz nach amerikanischer Brauart.

Die wichtigste Eigenschaft eines Bieres ist nach wie vor, dass es Durst macht auf ein zweites.

350 Biere im Angebot

Christan Klemenz merkte damals schnell, dass es hierzulande nicht einfach ist, ein Bier zu vermarkten, das so gar nicht der Gewohnheit der Deutschen entspricht. „Der normale Supermarkt und Getränkemarkt konnte mit solchen Produkten nichts anfangen, weil sie sehr erklärungsintensiv sind. Man muss dem Konsumenten erst einmal deutlich machen, was der Unterschied zwischen einem Craft Beer und einem handelsüblichen Industriebier ist“, sagt er. So kam er auf die Idee einer Bierothek. Diese funktioniert nach dem Konzept einer Vinothek: In jedem Laden berät qualifiziertes Fachpersonal über die 350 verschiedenen Craft Beers, die es sowohl im Laden als auch im Onlineshop zu kaufen gibt. Wichtig ist Christian Klemenz dabei, dass die importierten Biere alle 150 Bierstile abdecken. Denn die Bierothek bietet beispielsweise nicht 50 verschiedene Pils-Biere an, sondern ein paar gute Produkte pro Sorte. Die Getränke können probiert und direkt gekauft werden. „Wenn jemand zum Beispiel wissen will, warum das Rauchbier nach Rauch schmeckt oder warum im Weizenbier Weizen ist, können wir diese Fragen beantworten und dementsprechend beraten“, sagt Christian Klemenz. Wem das nicht reicht, der kann auch an einem der Bierseminare teilnehmen, die die Bierotheken anbieten.

Aha-Moment beim Schnuppern

In Bamberg, Erlangen und Nürnberg ist die Bierothek mittlerweile ein bekannter Begriff, vielleicht auch bald in ganz Deutschland. Die Erlanger Bierothek befindet sich in einem großen Einkaufszentrum in der Innenstadt. An den Wänden sind weiße Schriftzüge auf schwarzem Grund angebracht, die die unterschiedlichen Biersorten vorstellen. Christian Klemenz nimmt eine Bierflasche mit einem rosa-weißen Etikett und schenkt in zwei Biergläser ein, die wie sehr große Brandygläser aussehen. Er riecht ein paar Sekunden an der braungoldenen Flüssigkeit und erklärt dann, woher der intensive Geschmack und Geruch im IPA kommen: Beides entsteht durch die sogenannte Hopfen­stopfung, auch Kalthopfen genannt. „Der Hopfen wird nicht, wie sonst üblich, in der Heißphase dazugegeben, in der dann die ätherischen Öle verdunsten, sondern man gibt ihn später hinzu, in der Kaltphase. Dann bleiben die ätherischen Öle im Bier enthalten.“ Wenn ein Kunde zum ersten Mal an einem Craft Beer riecht und es probiert, folgt meistens ein „Aha-Moment“, erklärt Christian Klemenz.

So verrückt wie in der Bierothek beschrieben, sind Craft Beers nicht mehr – gleichzeitig bilden sie mengenmäßig noch lange keine Konkurrenz zu Industriebieren. (Foto: Martin Rehm)

In den vergangenen Jahren gab es eine Gründungswelle von Gasthaus- und Kleinbrauereien, während die Zahl der großen und vor allem der mittelgroßen Brauereien zurückging. Die kleinen Betriebe tragen aber weniger als ein Prozent zur deutschen Bierproduktion bei, die großen 84 Prozent. (Quelle: Bayerischer Brauerbund)

Bier zum Nachtisch?

Christian Klemenz stellt, wie auch Jörg Blinkert, schnell klar, dass Craft Beer und das Reinheitsgebot sich nicht auto­matisch ausschließen. Denn der Großteil dieser Biere wird nach dem Reinheitsgebot gebraut. Trotzdem wünschen sich laut Christian Klemenz viele Brauer eine Reform: „Wir wollen mit der „Craft Beer“-Bewegung dem Bier als solchem eine neue Dimension geben.“ Zum Beispiel wird das belgische Wittbier mit Orangenschalen und Koriander gebraut, also ausschließlich mit natürlichen Rohstoffen. Allerdings fallen diese nicht unter das Reinheitsgebot. Würde sich das ändern, könnte das Gläschen Bier zu Speisen passen, zu denen bisher ein Glas Wein bevorzugt wird – inklusive Desserts. Vor allem bringt das Craft Brewing Menschen zusammen. Viele kleine Brauereien, wie die der Binkerts, bieten Hobbybrauern an, sich auszuprobieren. Außerdem erleben Leute, die vielleicht früher nichts mit Bier anfangen konnten, nun eine ganz neue Vielfalt. Über eins sind sich Christian Klemenz und Jörg Binkert einig: Craft Beer soll keinen Konflikt heraufbeschwören und kann auch nach dem Reinheitsgebot entstehen. Der Deutsche Brauer-Bund (DBB) befürchtet aber, dass Brauer, die nach wie vor nur nach dem ältesten Lebensmittelgesetz der Welt brauen, gegen eine Reform klagen könnten. DBB-Präsident Hans-Georg Eils räumt jedoch ein: „Es ist natürlich falsch zu glauben, dass nur Bier, das nach dem Reinheitsgebot gebraut wurde, gutes Bier ist.“

Victoria Krafft

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