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History

Manischer Manager der Manege

Circus Roncalli – eine Legende feiert Jubiläum

Manischer Manager der Manege

Circus Roncalli – eine Legende feiert Jubiläum

Der „Circus Roncalli“ hat den Zirkus auf der ganzen Welt revolutioniert. Dass er 2016 sein 40-jähriges Jubiläum feiern kann, verdankt er vor allem seinem Gründer Bernhard Paul. Dabei schien Roncalli schon nach einem Jahr am Ende.

Was ein Spektakel ist, das lernte Bernhard Paul schon als Kind. Jeden Mittag um zwölf, wenn daheim im niederösterreichischen Wilhelmsburg die Werkssirenen läuteten, strömten von rechts 200 kalkweiße Menschen auf den Marktplatz, von links 200 rußig-schwarze – die Weißen waren die Arbeiter der Porzellanfabrik, die Schwarzen die der Eisengießerei. Sie wuselten durcheinander, verschwanden zum Mittagessen in ihren Häusern und als um eins die Sirenen erneut ertönten, liefen sie wieder hinaus und sortierten sich nach Farben. Wenn man will, kann man von da eine direkte Linie ziehen zu Bernhard Pauls „Circus Roncalli“, der die Branche revolutionieren sollte und in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen feiert; Paul hätte sicher nichts dagegen.

Vom Artdirector zum Zirkusdirektor

Die Linie würde reichen von dem Kind Bernhard, das versuchte, mit Zirkuskindern durchzubrennen, über die ersten Clownsnummern im Internat, das abgebrochene Hoch- und Tiefbaustudium und die Zeichenausbildung an der Wiener „Graphischen“. Mit 28 war Bernhard Paul Artdirector beim österreichischen Nachrichtenmagazin „profil“, hatte eigentlich schon alles erreicht. Dann stieg er aus. „Ich bin aber eher eingestiegen und habe es nicht gemerkt“, sagt er. Der Zirkus hatte ihn nicht losgelassen. Nach und nach kaufte und restaurierte er alte Zirkuswagen, die er bei ehemaligen Schaustellern und in alten Scheunen fand, er gewann den bekannten Clown Fredi Codrelli für sich und pumpte Freunde an. Das Zirkusprojekt sprach sich herum in Wien und bald tat sich André Heller mit Bernhard Paul zusammen. Der geplante Zirkus sei „eher ein Theater“, kündigte Heller auf einer Pressekonferenz an. Nach monatelangen Proben feierte Roncalli am 18. Mai 1976 in Bonn Premiere mit dem Programm „Die größte Poesie des Universums“, mit Pferden und Feuerschluckern, einem Zauberer und den gold lackierten Männern vom „Trio Olympiades“. Das Programm war eine Erzählung aus einem Guss, mit einer Regie dahinter – ganz anders als das, was man bis dahin unter Zirkus verstanden hatte: Nummernrevuen, bei denen der Zirkusdirektor während des Umbaus Witze erzählte.

Familienunternehmen: Vivian Paul ist ihrem Vater in die Manege gefolgt und zusammen mit ihren Geschwistern im aktuellen Jubiläumsprogramm zu sehen. (Foto: Circus Roncalli)

Zirkuswagen nachts versteckt

Doch schon nach wenigen Wochen gerieten sich Heller und Paul in die Haare. Sie stritten über Bühnenbilder und Dompteursnummern, sie beschimpften einander in Interviews, sogar eine Prügelei in einem Zirkuswagen ist überliefert. Beide Seiten schalteten ihre Anwälte ein, Gläubiger stellten Konkursanträge. Heller zog schließlich aus und nahm 42 Artisten mit; Paul improvisierte mit Studenten und Ersatz-Artisten. Ein abgespecktes Programm zeigte Roncalli 1977 noch in Wien – unter anderem trat dort die „Kelly Family“ auf –, dann ist erst mal Schluss. Paul hatte mehrere Millionen Schilling Schulden, die Wiener Behörden pfändeten die Zirkuswagen und wollten sie versteigern lassen, aber Paul und zwei Freunde ließen sie verschwinden: Mitten in der Nacht, im Schneegestöber, schleppten sie die Wagen mit drei Traktoren zum alten Wiener Schlachthof und versteckten sie zwischen den Abbruchmauern.

Als Clown über Wasser gehalten

Dennoch: Roncalli war eigentlich am Ende. Ein paar Zirkuswagen verrotteten am Donauufer, das Zelt hatte Paul der Konkurrenz verkauft. Als er 1978 in Köln eintrifft, um einen Neustart zu versuchen, passt seine Habe in eine Reisetasche. Die letzten Wagen, die er bei Freunden vor dem Gerichtsvollzieher versteckt hatte, bringt er auf dem verfallenden Gelände einer ehemaligen Schokoladenfabrik unter, funktioniert sie zu Jahrmarktwagen um, in denen er 40 Wachsköpfe ausstellt – seine einzige Einnahmequelle in dieser Zeit und der Grundstein für die Neugründung des Zirkus. Doch schon im Sommer 1978 stellt er fest: „Es juckt wieder, endlich wieder Zirkus zu machen.“ Zwei Jahre sollte­ es da noch dauern bis zu Roncallis Wiedergeburt. Als Clown „Zippo“ verdient er, zusammen mit Fredi Codrelli, auf Firmenfesten und in Kaufhäusern das Geld für neue alte Zirkuswagen. Nach und nach stoßen Mitstreiter dazu, die den Neustart prägen sollen: Musikstudenten und arbeitslose Handwerker, ein italienischer Eisverkäufer, eine spanische Kostümschneiderin, ein Artist aus Chicago. Das Geld borgt sich Paul, der in Österreich nicht mehr kreditwürdig ist, bei einer Kölner Filiale der Dresdner Bank und dem Schweizer Kabarettisten „Emil“ zusammen.

  • Das lateinische Wort „circus“ bedeutet „Kreis“ oder „Rennbahn“ – im Circus Maximus in Rom fanden vor allem Pferderennen statt.
  • Als Vater des modernen Zirkus gilt der Brite Philip Astley (1742-1814). Im Siebenjährigen Krieg kämpfte er in Nordamerika, gehörte dort einem Reiterregi­ment an und studierte schon die ersten Kunststücke mit Pferden ein – viele Veteranen lebten von solchen Tricks. 1768 eröffnete Astley in London eine Reitschule, in der nachmittags Vorführungen stattfanden. Die Schule nannte er „Circus“, in Anlehnung an Rom und prägte so den modernen Begriff des „Zirkus“. Die runde Form der Manege hat sich bis heute erhalten. Später kamen Akrobaten, Clowns und Pantomimen dazu, die oft historische Schlachten und Feldzüge darstellten. Astley eröffnete 20 Zirkusse in Europa, die ersten in London (1773) und Paris (1782).
  • Die erste Löwendressur ist aus dem Jahr 1831 überliefert; sie fand in einem Pariser Zirkus als Teil einer Pantomime statt.
  • Die frühen Zirkusse spielten in festen Gebäuden; Ende des 19. Jahrhunderts kam in den USA der Zelt- bzw. Wanderzirkus auf und verbreitete sich schnell auch in Europa. Meist transportierte die Eisenbahn die Zirkuswagen (in Deutschland macht das heute nur noch Roncalli), in vielen Zirkussen prägten nun Nummernrevuen das Programm.
  • Als Hochzeit des Zirkus gilt das frühe 20. Jahrhundert, in Deutschland prägten Namen wie Busch und Renz die Branche. Die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise dezimierten die Zahl der Zirkusse dramatisch, erst nach 1945 erlebte der Zirkus eine neue, kurze Blüte. Doch bald steckte er wieder in der Krise – wohl auch, weil er nun mit dem Fernsehen konkurrieren musste.
  • Die DDR verstaatlichte drei Zirkusse und fasste sie zum VEB Zentralzirkus zusammen, aus dem 1980 der „Staatszirkus der DDR“ hervorging.
  • Roncalli revolutionierte ab 1976 den Zirkus durch ein Konzept, das als „Cirque Nouveau“ in die Geschichte einging: Die Nummernrevue war passé, die Darbietungen wurden eingebettet in eine größere Geschichte.
Der Weißclown ist der klassische Gegenpart des „dummen August“. (Foto: Thomas Bittera)

Tradtionen aufgegriffen

Am 4. Juni 1980, einem brütend heißen Sommertag, ersteht der Circus Roncalli mit dem Programm „Die Reise zum Regenbogen“ wieder auf. Clown Pic pustet riesige Seifenblasen, eine Schlangentänzerin tritt auf, und ein Mann im Froschkostüm bricht sich, unbemerkt vom Publikum, bei einem Sprung beide Handgelenke. Das Roncalli-Konzept ging als „Cirque Nouveau“ in die Zir­kus­geschichte ein; auch der „Cirque du Soleil“ aus Kanada vertritt diese Philosophie. Dabei knüpfte Paul an viele Traditionen aus der Frühzeit des Zirkus und dessen Vorläufern an. Pferde zum Beispiel waren ein Muss, denn aus Pferdeshows ist der moderne Zirkus ja erst hervorgegangen (siehe Kasten). Die Musik kommt selbstverständlich nicht vom Band, sondern von einem Live-Orchester. Die Clowns lehnte Paul an die Hofnarren des Mittelalters, an die italienische Commedia dell’arte und an die Pantomime an – deshalb gibt es bei Roncalli, wie schon im Zirkus des 19. Jahrhunderts, nicht nur den tollpatschigen „dummen August“ mit der roten Nase und den viel zu großen Schuhen, sondern auch den klugen, strengen „Weißclown“.

Rote Armee hilft

Die „Reise zum Regenbogen“ ist ein Publikumsrenner, in drei Auflagen bringt das Programm Roncalli durch die Achtziger, am Ende haben sieben Millionen Besucher eine der Nachmittags- oder Abendvorstellungen gesehen. Roncalli spielte vor allem in Deutschland und Österreich, aber auch in Barcelona – und 1986 in Moskau. Mit den Russen verhandelte Paul teilweise als Clown „Zippo“ über das Gastspiel – er musste immer wieder den Verhandlungstisch am Kölner Neumarkt verlassen und nebenan in der Roncalli-Manege auftreten. Moskau begrüßte den Zirkus mit einem Unwetter, der Liegeplatz war völlig verschlammt. „Da hat uns die Rote Armee die Zelte aufgebaut“, erzählt Paul. Der legendäre Clown Oleg Popov half ihm, seine Nummern ins Russische zu übersetzen. Er war es auch, der bei der Show mit seinem Lachen aus dem Publikum das Eis brach. Und der Applaus? „Für russische Verhältnisse waren das Ovationen“, sagt Paul. Die russische Zirkusakademie soll danach ein Fach „Roncalli“ eingerichtet haben, erzählte Popov ihm später. Mit ihm ist er bis heute befreundet, Popovs Frau dolmetscht, wenn sie sich treffen, den Rest besorgt der Wodka. So wie die Programme über die Jahrzehnte wechselten – sie hießen „Salto Vitale“, „Teatro Paradiso“ oder „All you need is laugh“ –, so wechselten auch die Clowns und Artisten. Die einen gingen in den Ruhestand, die anderen machten in Varietés weltweit Karriere. Nachwuchs rekrutiert Paul immer wieder auch auf den Zirkusfestivals in Paris und Monte Carlo. Auch seine drei Kinder – Vivian, Adrian und Lili – gehören zum Ensemble, spielen Instru­mente, wirbeln am Trapez und treten im aktuellen Jubiläumsprogramm auf. Sie machen sich schon Gedanken, wie sie den Zirkus einmal gemeinsam leiten wollen, wenn ihr Vater sich mal zur Ruhe setzt – der wird immerhin bald 70.

  • 2016 feiert der Circus Roncalli sein 40-jähriges Bestehen – zum Jubiläum hat Bernhard Paul das Erfolgsprogramm „Die Reise zum Regenbogen“ wieder aufleben lassen. Die aktualisierte Fassung zeigt Clowns und Pferdedressuren, vor allem aber viel Akrobatik: Die Gruppe Lift tanzt knapp unter der Zirkuskuppel, Beatboxer Robert Wicke macht Musik auf Möbeln, der erst 17-jährige Ty Tojo jongliert, und Pauls drei Kinder schwingen sich am Trapez und im Luftrad durch die Manege oder verbiegen ihren Körper.
  • Stationen der Tournee sind: Köln (14. April bis 22. Mai), Düsseldorf (26. Mai bis 19. Juni), Ludwigsburg (13. Juli bis 7. August;  im Blühenden Barock vor dem Residenzschloss), Wien (15. September bis 16. Oktober)

Weitere Informationen und Karten unter roncalli.de

Glühbirnen für 100 Jahre

Dann werden sie sich auch um die vielen Ableger kümmern müssen, die inzwischen aus Roncalli hervorgegangen sind: das Apollo Varieté in Düsseldorf zum Beispiel, den historischen Jahrmarkt in Kornelimünster bei Aachen oder das mobile Zirkusmuseum. All diese Nebenprojekte, hat Paul mal gesagt, finanzierten auch den „Luxus Roncalli“. Ein Himmelfahrtskommando wie zu Gründerzeiten ist Roncalli aber längst nicht mehr: Das 10.000 Quadratmeter große Winterquartier in Köln-Mülheim hat Paul dem Circus Williams abgekauft, den er als Kind so verehrte. Und er hat noch eine ganze Halle voll mit alten Glühbirnen, für die Zirkusstimmung. „Damit können wir noch hundert Jahre Zirkus machen“, sagt er. Aufhören will Paul aber gar nicht – erst recht nicht im Jubiläumsjahr 2016. „Man geht fünf Zentimeter über dem Boden“, hat ihm mal ein Kind nach einer Roncalli-Show gesagt. Das hat ihm gut gefallen – und ihn angespornt zu seinem neuen Ziel: „Die Leute sollen einen halben Meter über dem Boden gehen.“

Daniel Kastner

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