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INTERVIEW

„Wer Nummer eins bleiben will, muss trainieren wie die Nummer zwei.“

Torwarttrainer Andreas Köpke über Konflikte, Teamgeist und Motivation auf dem Platz und im Berufsleben

„Wer Nummer eins bleiben will, muss trainieren wie die Nummer zwei.“

Torwarttrainer Andreas Köpke über Konflikte, Teamgeist und Motivation auf dem Platz und im Berufsleben

Welt- und Europameister Andreas Köpke über den Triumph in Brasilien, einen berühmten Zettel und den Umgang mit Druck auf dem Platz und im Büro.

Sie haben die Weltmeisterschaft in Brasilien als den Höhepunkt Ihrer Karriere bezeichnet. Gratulation auch von uns noch! Welche sind Ihre stärksten Erinnerungen an das Turnier?
Neben der Stimmung und der Traumkulisse war vor allem der Zusammenhalt im Team zentral. In diesem Maße habe ich das vorher nie erlebt – das war der Schlüssel zum Erfolg und einfach ein tolles Gefühl.
Viele erinnern sich an das Spiel gegen Brasilien, aber auch an Torwart Manuel Neuer im Spiel gegen Algerien, in dem er weit vor dem Tor viel riskieren musste. Was empfinden Sie als sein Trainer in solchen Situationen draußen auf der Bank?
Ich kenne Manuel Neuer gut genug, um zu wissen, dass er Situationen fast immer richtig einschätzen kann und weiß, wann er was zu tun hat und wann er was riskieren kann und eben auch muss. Daher mache ich mir in solchen Situation nicht wirklich Sorgen. Obwohl der Puls manchmal schon etwas steigt. Im Endeffekt ist gerade diese offensive Spielweise ein wichtiger Faktor in unserem Spiel.
Hatten Sie in Brasilien eigentlich auch solche Zettel vorbereitet, wie Sie ihn 2006 Jens Lehmann vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien zugesteckt haben? Oder wie sind Manuel Neuer und Sie mit dem Thema umgegangen?
(lacht) Na, der Zettel ist und bleibt einmalig. Aber im Ernst: In der Nationalmannschaft haben wir natürlich Analysetools, die wir nutzen, um uns optimal auf ein Spiel und den jeweiligen Gegner vorzubereiten. Auch mit Manuel und den anderen Keepern haben wir uns auf die Spiele entsprechend vorbereitet.
Team-Manager Oliver Bierhoff, Andy Köpke, Trainer Joachim Löw und der damalige Co-Trainer Hansi Flick mit dem WM-Pokal. (Foto: imago/Ulmer)
Im Gegensatz zur Weltmeisterschaft 2014 stellte die WM 1994 eine andere Situation für Sie dar, weil Sie nicht als Nummer 1 im Tor standen. Beim Turnier 1996 wurden Sie als Stammtorhüter Europameister, im selben Jahr Welttorhüter. Wie haben Sie dazwischen die Höhen und Tiefen, die der Sport mit sich bringt, verarbeitet und sich für neue Höchstleistungen motiviert?
Nach den Turnieren 1990 und 1992 als dritter und zweiter Torhüter war 1994 natürlich eine spezielle Situation für mich. Die Enttäuschung, nicht Nummer 1 zu sein, war nicht von der Hand zu weisen. Aber auch hier habe ich gelernt, die Situation anzunehmen und mich in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Leider konnten wir 1994 mit unserer Leistung als Mannschaft nicht überzeugen. Ich bekam dann meine Chance 1996 als Nummer 1 und habe diese entsprechend genutzt. Dass wir Europameister wurden, war umso schöner. Das Endspiel im Londoner Wembley-Stadion mit dem Sieg gegen Tschechien war für uns ein Ritterschlag. Den Pokal zu holen, war ein super Gefühl. Aber generell gilt: Nach dem Turnier ist vor dem Turnier. Und genau das muss die Einstellung sein: sich immer wieder neu zu motivieren und sich nicht auf Erreichtem auszuruhen. Das war meine Motivation als Spieler und auch jetzt als Trainer. Man muss sich immer wieder aufs Neue beweisen und seine Leistung bringen. Natürlich gibt es Rückschläge und ein Weg ist nicht immer nur gerade, aber vor allem aus Niederlagen und Rückschlägen kann jeder lernen.
Vor der WM 2006 mussten Sie dann als Torwarttrainer selbst entscheiden, wen Sie im Tor sehen wollen: Die Entscheidung fiel gegen Oliver Kahn und für Jens Lehmann. Wie gehen Sie mit solchen Konflikten um?
Entscheidungen gehören zum Trainer-Dasein und müssen getroffen werden. Wer nichts entscheidet, kann seine Ziele nicht erreichen. Für uns als Team war klar, dass wir hier im Sinne der Mannschaft agieren müssen und somit die Interessen einzelner für die Interessen des Teams zurückstehen müssen. Als Profisportler können wir als Trainer und die Spieler damit umgehen, auch wenn es manchmal nicht leichtfällt. Das war bei Oliver und Jens damals auch so.
Zu den Themen Konflikt­management, Teamwork und Motivation geben Sie Seminare für Führungskräfte. Welche Kernbotschaft ist für Sie dabei wichtig?
Das Wichtigste für Unternehmen und Sportler ist es, Ziele zu setzen und den Weg dorthin für sich und sein Team zu definieren. Denn für beide gilt: Wer die Nummer 1 werden und bleiben will, muss trainieren wie die Nummer 2. Das heißt, alles zu geben und sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen.

Unternehmen können Andreas Köpke für Vorträge, Seminare oder Incentives engagieren. Die Inhalte reichen dabei von Teamgeist über Motivation bis zu Konfliktmanagement.

Anfragen an:
SSC GROUP / SSC Vertrieb Deutschland GmbH
Sophia Görlach
Hauptstraße 25, 91236 Alfeld
Tel.: 09157 2133597
E-Mail: info@sportsandsales.com
sportsandsales.com

Ein Managementthema ist zurzeit Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit in Krisen. Inwieweit lassen sich dabei Techniken oder Erfahrungen aus dem Profifußball und dem Torwarttraining auf das Berufsleben übertragen?
Das Prinzip ist ja überall gleich: Es gibt eine Drucksituation – ob das nun ein gegnerischer Angriff im Fußball oder eine schwierige Aufgabe im Management ist – und man muss damit umgehen und agieren. Das Wichtigste ist es, immer einen klaren Kopf zu bewahren und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Welche speziellen Techniken dann für den Einzelnen sinnvoll sind, lässt sich nicht pauschalisieren.
Nach der vergangenen WM wurde vor allem die Teamleistung herausgestellt. Was würden Sie aus Ihrer langen Erfahrung sagen: Kann man so etwas wie Teamgeist bewusst fördern? Wenn ja, wie?
Ja, das kann man und das tun wir im Trainerstab der Nationalmannschaft auch gezielt. Hinter einem erfolgreichen Team auf dem Platz steht auch immer das Team hinter dem Team. Nur gemeinsam kann man erfolgreich sein. Fußball ist kein Individualsport und ein Unternehmen besteht auch nicht aus einer einzelnen Position. Jeder muss sich auf seine Aufgaben konzentrieren und diese bestmöglich erfüllen – immer das gemeinsame Ziel im Auge. Fördern kann man diesen Teamgeist beispielsweise mit teambildenden Maßnahmen und Events – auch das machen wir bei der Nationalmannschaft. Das Wichtigste ist und bleibt aber, dass jeder verinnerlicht, dass es um Teamarbeit geht und der Einzelne seine Leistung für das Team bringt.
Sie haben von der tollen Atmosphäre in Brasilien geschwärmt. Was hat diese Atmosphäre ausgemacht?
Die Stimmung dort war natürlich fantastisch und die Gastfreundschaft der Brasilianer enorm. Auch die Kulisse im berühmten Estádio do Maracanã ist natürlich einmalig. Die Fans, die uns vor Ort, aber auch von zu Hause aus unterstützt haben, haben diese Atmosphäre mit geprägt. Und der WM-Pokal hat alles gekrönt.
Als Sie Ihre Spielerkarriere begannen, gab es noch kein spezielles Training für Torhüter, inzwischen gehört neben Videoanalysen und Leistungsdiagnostik auch Ernährungsberatung dazu. Welche Ernährungstipps bekommen denn Torhüter?
Generell wird das Training und der damit verbundene Ernährungsplan immer individuell abgestimmt und für den einzelnen Torhüter individualisiert.
Unsere Leserinnen und Leser sitzen bei der Arbeit viel. Haben Sie einen effektiven Fitnesstipp für sie?
Bewegung und Pausen einplanen – auch im beruflichen Alltag Zeiten für sich schaffen. Ich setze mir bewusst Termine und gehe dann zum Beispiel laufen oder Golf spielen. Wenn man wenig Zeit hat, kann man zum Beispiel auf dem Weg zum Büro nicht den Aufzug, sondern die Treppe nehmen oder die Mittagspause für einen Spaziergang nutzen.
Wie erkennen Sie, ob ein junger Torwart das Zeug hat, sich zu einem Top-Torwart zu entwickeln? Worauf achten Sie dabei?
Natürlich haben wir in Deutschland sehr gute Torhüter und auch die Ausbildung der Keeper ist auf hohem Niveau. Da sind entscheidende Faktoren auch der Ehrgeiz und die Teamfähigkeit. Das muss stimmig sein und zur jeweiligen Mannschaft passen.
Andy Köpke als Torwart bei der Europameisterschaft 1996 mit Oliver Bierhoff, der das entscheidende Tor im Finale schoss. (Foto: imago/WEREK)
Wie unterscheiden sich junge Spieler heute von denen zu Ihrer Zeit als Spieler?
Die Spieler werden heute schon sehr früh mit der digitalen Welt und den Medien konfrontiert und auch darauf vorbereitet. Das war bei uns nicht so. Auch durch die fundierte Ausbildung gerade im Jugendbereich sind die Jungs heute auf ganz anderem Niveau und können viel konstanter spielen.
Ihr Sohn Pascal schoss bereits als 18-Jähriger mit einem spektakulären Seitfallzieher ein „Tor des Monats“. Hätten Sie den Schuss gehalten?
(lacht) Gott sei Dank war das nicht meine Aufgabe.
Ihr Sohn sagte einmal, dass er Ratschläge von Ihnen gerne annehme – schließlich wüssten Sie als ehemaliger Torwart auch, wie Stürmer ticken. Was haben Sie ihm bisher beispielsweise geraten?
Als Vater möchte man seinem Sohn natürlich immer zu Seite stehen. Aber noch wichtiger ist es, seine Kinder zu bestärken, eigene Entscheidungen zu treffen und eigene Wege zu gehen.
Pascal fing dort mit dem Kicken an, wo Sie aufhörten: Beim 1. FC Nürnberg. Woraus entstand Ihre Treue zum „Club“, mit dem Sie Höhen und Tiefen erlebten?
Genau dadurch – durch die Höhen und Tiefen. So etwas prägt. Mit dem FCN verbindet mich auch heute noch sehr viel und ich habe dem Club viel zu verdanken.
Bis heute ist Ihr Lebensmittelpunkt Nürnberg geblieben, obwohl Ihre Karriere im Norden begann und Sie auch andere Stationen hatten. Was macht Nürnberg und Franken für Sie aus?
Die Mentalität der Region. Die Franken sind offen und direkt. Das mag ich. Nürnberg ist meine Heimat. Meine Familie und ich fühlen uns dort sehr wohl.
Sie haben bei Olympique Marseille gespielt und besitzen ein Haus in Südfrankreich. Was ist der größte Unterschied zwischen den Mentalitäten von Franken und Franzosen?
Gute Frage. Vielleicht können die Franzosen das Leben manchmal etwas leichter nehmen und genießen. Der Franke beziehungsweise der Deutsche an sich ist oft in den Alltag eingebunden und könnte manchmal ein bisschen mehr das Leben genießen.
Sie engagieren sich für den Verein „Kinder sind unsere Nr. 1“. Worum geht es dabei?
Unser Ziel ist es, Kindern in Deutschland und der Welt zu helfen. Dabei unterstützen wir verschiedenste Projekte – von der Integration benachteiligter Kinder in Deutschland über Sportprojekte bis hin zur Fluthilfe in Pakistan vor einigen Jahren. Kinder sind unsere Zukunft und wir wollen den Fußball nutzen, um zum einen die Aufmerksamkeit darauf zu lenken und zum anderen über den Sport Vorurteile abzubauen und den Zusammenhalt zu stärken. Sehr schön symbolisiert das unser Charity-Projekt „GLOBALL – rolling for a better world®“, das von unserer Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, Sportlern wie Manuel Neuer, aber auch Musikern und Künstlern unterstützt wird – wir ziehen alle an einem Strang, um den Kindern zu helfen.
Die Europameisterschaft in Frankreich steht an. Wie schätzen Sie das deutsche Team ein, in dem es seit dem WM-Titel viele Änderungen gab?
Ich denke, in vielen Punkten gibt es noch Luft nach oben. Wir müssen uns ein Stück weit noch finden, aber dazu haben wir ja auch noch etwas Zeit. Ich bin überzeugt, dass wir auch für das nächste Großturnier sehr gut gewappnet sind.

Der gebürtige Kieler stand nach mehreren Stationen in der zweiten Bundesliga von 1986 bis 1994 beim 1. FC Nürnberg in der ersten Bundesliga zwischen den Pfosten. Nach weiteren Engagements bei Eintracht Frankfurt und Olympique Marseille beendete er seine Spielerkarriere 2001 wiederum beim „Club“ in Nürnberg.

Beim Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 noch Ersatztorwart, trug „Andy“ Köpke 1996 als Nummer 1 mit zwei gehaltenen Elfmetern gegen Italien und England entscheidend zum Europameistertitel bei und wurde Welttorhüter.

Als Bundestorwarttrainer gehörte er ab 2004 mit Jogi Löw zum Trainerteam von Jürgen Klinsmann, das die Nationalmannschaft bei der WM 2006 im eigenen Land zum dritten Platz führte. Der Triumph in Brasilien 2014 bildete den vorläufigen Höhepunkt seiner Trainerarbeit bei „Die Mannschaft“.

Andreas Köpke hat den GLOBALL angestoßen, der auch vor der EM 2016 wieder durch Deutschland rollt und Spenden für „Kinder sind unsere Nr. 1“ sammelt. Unterstützt werden damit unter anderem Kindersportprojekte.

the-globall.com

Die Fragen stellte Samuel Heller aus der Redaktion des willmy magazins

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